Wintersonnenwende

Maske für die „Harderpotschete“.

Wintersonnenwende in den Alpen; in den Restaurants sitzen Familien und Freunde bei Festsessen, draussen sind Maskierte und Vermummte unterwegs. Zwei darunter mit grossen braunen Umhängen, zotteligen langen Haaren und furchterregenden Fratzen stürmen in eine Restaurant, um Werbeartikel für ihren Verein zu verkaufen.

Sofort beginnen Kinder zu schreien, die Vermummten nehmen ihre Masken ab, beschämt versucht männiglich, die Kinder zu beruhigen. Das gelingt leidlich, auf leisen Sohlen verlässt die wilde Gruppe das Restaurant wieder.

Der Spuk ist längst vorüber, beruhigendes Plätschern von Gesprächen erfüllt den Raum des Restaurants.

Da betritt eine Dame mittleren Alters mit langem, braunem Haar und einem weiten, braunen Mantel das Lokal.

Die Kinder beginnen zu brüllen wie am Spiess, und sie beruhigen sich weder auf das gute Zureden der Dame hin noch des Familientisches, an dem die Kleinkinder sitzen. Erst als die Dame entgeistert das Lokal verlässt, beruhigt sich die Lage.

Das Original der Kurzgeschichte in Adelboden-Deutsch ist auf Facebook publiziert.

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Tendenziell: Grundeinkommen und Transaktionssteuern

Transaktionssteuern und Grundeinkommen sind zwar von der Idee her nicht besonders anspruchsvoll. Aber Gesellschaften, die sie umsetzen wollen, müssen hoch entwickelt sein: vorab hinsichtlich der technischen Voraussetzungen im Finanzwesen und der Dienstleistungsbereitschaft im Staat. Länder wie die Schweiz bringen diese Voraussetzungen mit, und sie könnten Transaktionssteuern und Grundeinkommen technisch und politisch rasch einführen.

Tendenziell wird das in den nächsten Generationen auch geschehen, denn nach Lage der Dinge ist es klug, wenn nicht sogar zwingend, den Menschen von jenem Geld zu geben, das Maschinen verdienen. Darum geht es letztlich, und insofern ist diese Achse von Transaktionssteuer und Grundeinkommen auch nicht besonders schwer zu verstehen.

Mähdrescher in der Schweiz beim Ernten von Weizen für die Bierproduktion.

Auf der einen Seite ist die Tatsache, dass immer mehr Arbeit von Maschinen geleistet wird: ein Mähdrescher, der in einer Stunde das erntet, was 100 Menschen an einem Tag Handarbeit nicht schafften; Bagger, Computer, Roboter, die enorme Wertschöpfung leisten (Wertschöpfung ist ein anderes, wissenschaftliches Wort für Arbeit, und in der deutschen Sprache, aus der dieser Blog schöpft, ist „Wertschöpfung“ eigentlich ein viel besseres und zeitgemässeres Wort als „Arbeit“: Arbeit kommt von Mühsal, während Wertschöpfung bedeutet, Werte zu schöpfen – im Artikel zu Wertschöpfung und Produktivität gelegentlich mehr darüber).

Auf der anderen Seite fehlt den Menschen zunehmend Geld, weil sie keine vernünftige Arbeit mehr haben. Es ist zwar wunderbar, wenn Maschinen den Menschen die Arbeit abnehmen. Aber wenn die Menschen kein Geld mehr haben und aus der Wertschöpfung von Maschinen keine Steuern fliessen, kann das System von Produktion und Verbrauch auf Dauer nicht funktionieren. Eine Transaktionssteuer, die alle Geldbewegungen minimal belastet, und ein Grundeinkommen, das die Menschen aus dieser Steuer erhalten, bietet hier einen Ausweg.

Dieser Ausweg ist dabei weder politisch extrem noch wirtschaftlich unvernünftig, ganz im Gegenteil: Seit Menschen ernsthaft und wohlwollend über Steuern nachdenken, skizzieren sie Transaktionssteuern immer wieder als eine optimale Steuer: Sie greift unmittelbar in den Geldfluss und ist damit die ideale, weil absichtslose und neutrale Steuer – ein alter Menschheitstraum. Den Traum wahrzumachen und die Steuer umzusetzen, ist allerdings erst in unserer Generation realistisch. Noch vor wenigen Jahren waren die technischen Voraussetzungen schlicht nicht vorstellbar, inzwischen reicht sozusagen ein Smartphone samt Netz.

Auch das Grundeinkommen ist durchaus vernünftig: In späten 1960er Jahren dachten konservative Politiker um Richard Nixon in den USA ernsthaft darüber nach, den Menschen Geld zu geben, um den Konsum sicherzustellen. Inzwischen hat sich die Wertschöpfung dank Maschinenkraft extrem ausgeweitet, während immer mehr Menschen immer weniger Geld verdienen – und mit Abgaben auf den immer geringer werdenden Löhnen müssen in entwickelten Staaten noch Sozialversicherungen wie Renten oder Arbeitslosengelder finanziert werden.

Die Politiker und die Ökonomen wissen natürlich, dass die bisherigen Modelle teils dumm sind wie die Mehrwertsteuer, die Wertschöpfung und Arbeit verteuert, teils keine Zukunft haben wie die Finanzierung der Sozialwerke durch Lohnanteile. Die Achse von Grundeinkommen und Transaktionssteuer hinzustellen, hat allerdings noch niemand geschafft, denn das Ansinnen ist politisch extrem: Wer etwa in der Finanzwelt vom jetzigen System profitiert, will das natürlich nicht und bekämpft bereits Ansätze mit allen Mitteln.

Nicht ohne Ironie ist dabei, dass vor allem Menschen gegen Grundeinkommen und Transaktionssteuern kämpfen, die wenig Wertschöpfung erarbeiten: PR-Strategen, Banker, Trader. Nicht ohne Ironie ist auch, dass diese Gegner es schaffen, vor allem Menschen zu gewinnen, die viel Wertschöpfung erarbeiten: Bauern, Arbeiter, Hausfrauen.

Diesen Menschen wird bislang erfolgreich eingeredet, ein Grundeinkommen werde zu Faulheit führen, während den Reichen weisgemacht wird, mit der Transaktionssteuer wolle man ihnen etwas wegnehmen – das ist eine extrem starke politische Achse. Dabei ist es dank der Maschinenkraft inzwischen zum ersten Mal seit Menschengedenken möglich, die Reichen in Frieden zu lassen und den normalen Menschen gleichzeitig genug in die Hand zu geben für ein menschenwürdiges Dasein.

Das ist nicht viel verlangt, und wir können es schaffen.

Beziehunger on the road

Mit Handys in den Händen betreten die beiden Frauen den spärlich besetzten Speisewagen und setzen sich. Zwischen Gesprächsfetzen starren und tippen sie pausenlos auf ihre Handys – ob sie wohl früher gestrickt hätten, ob man das wohl tut, um ganz bei sich zu sein?

Auch als der Serviceangestellte, ein junger Deutscher, die Bestellung aufnimmt, wenden sie ihren Blick kaum von den kleinen Bildschirmen.

Eine warme Ovomaltine will die eine, eine kalte Ovomaltine die andere – „und ein Glas Leitungswasser“, sagt sie noch.

Die Frauen sind wieder in ihre Geräte vertieft, als der Mann mit der Bestellung wiederkommt:  die warme Ovomaltine, die kalte, das Glas Wasser.

„Ist das Leitungswasser?“, fragt sie.

Der deutsche Kellner versteht die Frage nicht.

„Es gibt im Speisewagen kein Leitungswasser“, erklärt er schliesslich in einem Tonfall zwischen leisem Bedauern und leichtem Amusement.

„Das Mineralwasser bezahle ich nicht“, entgegnet die junge Schweizerin nun ungehalten.

Der Kellner nimmts gelassen und zieht sich zurück, die junge Frau kriegt sich fast nicht mehr ein und versichert zwischen dem Hacken auf ihr Handy und dem Nippen an ihrer Ovomaltine immer wieder ihrer Kollegin: „Ist doch wahr.“

Die übrigen Gäste im Speisewagen schwanken zwischen Gaudi, Fremdscham und stiller Entrüstung, ein Fahrgast bezahlt dem Kellner unauffällig das Mineralwasser.

Wochen später höre ich die Geschichte vom Leitungswasser im Speisewagen bereits als Anekdote – an einem Nebentisch im Speisewagen.

Diese Kurzgeschichten, hier in Deutsch, sind im Original in Adelbodendeutsch auf Facebook zu finden.

Essenziell: Vater Staat, Mutter Erde

Die Ansichten drüber, was ein väterlicher Staat ist, gehen natürlich auseinander: je nach dem Bild des Vaters, je nach dem Bild des Staates, das jemand hat. Ein liebevoller Vater oder ein strenger, ein freigebiger Staat oder ein grosszügiger.

Die Ansichten darüber gehen auch in der Schweiz auseinander. Doch das allgemeine Bild von Vater Staat und Mutter Erde ist so stark, dass daneben im Alltag die persönlichen Bilder verblassen.

Deshalb herrscht in den politischen Debatten der Schweiz, ausser an den extremen Rändern, kein Zweifel daran, dass ein väterlicher Staat essenziell ist – und die Erde mit ihren vielfältigen Früchten ohnehin die Grundlage allen Lebens: Die Schweiz ist ursprünglich ein Land von eher ärmlichen Bauern, und der grosse, menschenfreundliche deutsche Dichter Friedrich Schiller forderte in seinem Theaterstück von Wilhelm Tell dazu auf, dieses „Volk der Hirten“ kennenzulernen (ich versuche, dazu hier einen klitzekleinen Beitrag zu leisten).  

Das Bild des Vaters ist in der Schweiz vor allem ein fürsorgliches: Der Vater kümmert sich um die Familie, hat ein offenes Ohr für alle, ist gerecht und sorgt für Ordnung im Haus. Autorität fehlt dabei nicht, aber sie kommt eher von der väterlichen Funktion als von der Persönlichkeit – staatlich bildet sich das in selbstverständlicher Gewaltentrennung und Rechtssicherheit ab, davon mehr an anderer Stelle.

Vater Staat ist in der Schweiz auch weder einschüchternd noch unnahbar oder abweisend. Zwar haben letztlich auch hier die Eliten das Sagen. Aber weil diese Eliten die kleinen Leute in der kleinen Schweiz brauchen, und weil die Schweizer Eliten überdies seit Jahrhunderten ihre Schweizer Demokratie rühmen, hat sich der Staat entsprechend entwickelt: Der Staat wächst aus der Bevölkerung und dient der Bevölkerung so ähnlich, wie ein Vater aus seiner Familie wächst und ihr dient. Die Menschen in der Schweiz, die sich für Politik interessieren und sich daran beteiligen, haben denn auch insgesamt ein starkes Selbstbewusstsein als sogenannter „Souverän“  –  und der Staat hat diesem Souverän zu dienen.

Zu Beamten zu gehen und etwas zu wollen, ist deshalb in der Schweiz kein Problem, und dass so etwas verbunden sein könnte mit Korruption, ist im Alltag praktisch unvorstellbar. Was natürlich auch mit den guten Löhnen der Beamten zu tun hat, und was nicht heisst, dass es in der Schweiz keine Korruption gibt: Wo viel Geld im Spiel ist, ist Korruption auch in der Schweiz ein Thema – und als kleiner, sachkundiger Vermittler im weltweiten Spiel der grossen Kräfte hat die Schweiz hinsichtlich globaler Korruption bekanntlich eine Sonderstellung.

Im Kleinen jedoch, im Alltag der Menschen ist der Staat in der Schweiz tatsächlich recht väterlich und ein Diener der Menschen – auch davon an anderer Stelle mehr: der Staat als Diener.

Wichtig: keine Führer

Natürlich haben auch in der Schweiz die reichen Leute seit jeher das Sagen: die sogenannten Eliten, denen der Boden gehört und die Industrien. Aber zum einen brauchten diese Eliten in der Schweiz schon immer kleine Leute mit besonderem Können. Vor allem das Können, sichere Wege durch die Berge zu finden – die Schweiz ist am Alpenübergang des Gotthard, der Italien und Deutschland verbindet, vor über 700 Jahren letztlich auf diesem Können aufgebaut worden.

Weil die Eliten also die kleinen Leute brauchten, weil die Religion in der Gegend überdies sagte, alle Menschen seien vor Gott gleich, und weil nicht zuletzt die kleinen Täler und Städte der alten Eidgenossenschaft miteinander auskommen mussten, ergab sich zum anderen das Loblied auf das Republikanische und auf die Demokratie: Praktisch von der Gründung der Schweiz 1291 an betonten die Eliten immer wieder, in der Schweiz herrsche Demokratie, seien alle gleichberechtigt und stelle sich niemand über die anderen.

Dieses demokratische Bekenntnis galt allerdings nicht grundsätzlich: Wenn die kleinen Leute ihre Rechte einforderten vom Krieg der Bauern 1653 bis zum Streik der Arbeiter 1918, reagierten die Eliten hart und brutal und liessen bei Bedarf auch ausländische Soldaten auf die Schweizer Landsleute los.

Es kann allerdings nicht ohne Wirkung bleiben, wenn über Jahrhunderte immer wieder betont wird, die Schweiz sei eine Demokratie. Überdies erkannten die Eliten im Zug der wirtschaftlichen Entwicklung auch, wie wertvoll die kleinen Leute nicht nur als Führer durch die Berge sind.

Seit die Menschen mit der Reformation um 1520 etwas Schulbildung haben mussten, um die Bibel lesen zu können, erwies sich mehr und mehr die wirtschaftliche und gesellschaftliche Kraft der kleinen Leute: Gewerbefreiheit für die Handwerker in den aufstrebenden Städten des späten Mittelalters, Rechtssicherheit zwischen Städten und Tälern und Unternehmen, schliesslich ab dem 19. Jahrhundert allgemeine Schulpflicht und kostenlose Ausbildung bis zur Universität für die Jungen sowie Rede- und Versammlungsfreiheit für die Bürger – 1972 schafften es die Schweizer Männer in einer Volksabstimmung sogar, endlich auch den Frauen das Wahlrecht zu geben.

Diese peinlich späte Gleichberechtigung deutet darauf hin, wie rückständig auch die Schweiz gedanklich ist – und dass vorab männliche Eliten nach wie vor das Sagen haben. Aber in der kleinen Schweiz mit ihren kleinen, vielsprachigen Bevölkerungsgruppen diesseits und jenseits der Berge hat sich ein Prinzip durchgesetzt: Führer gibt es zwar in den Bergen und in den Unternehmen und im Sport. Aber politisch akzeptieren in der Schweiz weder die Eliten noch die kleinen Leute starke Führer – dass ein Milliardär und gelernter Bauer zurzeit als Führer auftritt, ist eine der historisch unvermeidlichen Ausnahmen von der Regel.

Zwar gibt es in der Schweiz wie überall eine starke Neigung zu Führern, und weil die Medien das Populäre lieben, verstärkt sich diese Neigung noch. Doch weil sich in der Geschichte immer wieder erwiesen hat, wie stark und klug demokratische Ordnungen sind und wie schwach und gefährlich Führer, herrscht in der Schweiz tatsächlich weitgehende Einigkeit über die Notwendigkeit und den Wert der Demokratie – wir stimmen auch alle paar Wochen ab.

Hinzu kommt seit einigen Jahrzehnten, dass die Eliten nicht auf ihre Privilegien verzichten müssen, damit es auch den kleinen Leuten gut geht: Weil die Wirtschaft leistungsfähig ist wie nie und Maschinen dabei die meiste Arbeit leisten, kommt so viel heraus, dass es für alle reicht. Aber davon mehr an anderer Stelle.