Über Medien: zur Sprache

Wenn wir etwas nicht mehr aushalten, finden wir dafür einen Ausdruck. Das behauptete vor gut zwei Generationen Herbert Marshall McLuhan. Er war Kanadier, war also nicht zuhause in der deutschen Sprache, die am «Ausdruck» eindeutig den Druck und sein Herauslassen aufzeigt.

Indes hat das angloamerikanische Pendant «expression» mit seinem lateinischen Hintergrund dieselbe Prägung wie der deutsche Ausdruck. «Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück», fand in diesen Zusammenhängen Karl Kraus, der als Schriftsteller in Wien eine gute Generation vor McLuhan wirkte – die beiden dürften nichts voneinander gewusst haben.

Solche Blätter entfalten im Todeskampf nochmals ihre ganze verführerische Kraft. Es nützt aber nichts und niemandem mehr und berührt die Menschen zunehmend peinlich.

McLuhan begründete seine Behauptung, wonach jegliche menschliche Ausdrucksform ein Resultat von unerträglichem innerem Druck sei, nicht mit einer Annäherung an den Begriff, um eine weitere sprechende Bezeichnung heranzuziehen. McLuhan argumentierte kulturhistorisch und literarisch, ähnlich übrigens wie Jean Gebser, ein in Bern wirkender Zeitgenosse von McLuhan – auch die beiden dürften nichts voneinander gewusst haben.

Als kulturhistorischer Befund hier etwa steinzeitliche archäologische Überbleibsel von mundlosen menschlichen Figuren, die plötzlich abgelöst werden von Gesichtern mit Mündern; oder die alte Geschichte vom sagenhaften König Kadmos, der Drachenzähne sät und Krieger erntet, aber Macht und Kontrolle auch mit dem Alphabet ausübt, das er in Griechenland sät. Oder Malereien, die bis ins Mittelalter nie Perspektive erkennen lassen und plötzlich den Raum erschliessen.

Und dort als literarischer Befund etwa der einsame Friedrich Nietzsche, der ätzte: «Dass jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken». Oder die Anmerkungen des Westafrikanischen Adligen Modupe. Im frühen 20. Jahrhundert fand er aus seiner schriftlosen Kultur staunend zu einer klassisch-humanistischen Ausbildung, und meinte angesichts von Büchern, die Zeichen auf den Seiten seien eingefangene Wörter. «Ein jeder konnte die Symbole entziffern lernen und die eingefangenen Wörter im Sprechen wieder freilassen.»

Der Belebungsversuch befremdet doch eher.

Womit wir einigermassen festen Grund erreichen: Worte sind klar ein- und abgegrenzt, und sie müssen linear aufeinanderfolgen, um sich den Lesenden zu erschliessen (nicht mehr auf Papier allerdings, was von entscheidender Bedeutung ist – siehe weiter unten). Doch selbst wenn sich Worte in linearer Folge und Form erschliessen, bleibt ein grenzenloser Deutungsraum: Wie zuerst Plato umfassend erläuterte, entsteht das Bild im Auge der Betrachtenden, ist die Idee platonisch und eine bruchstückhafte Vorstellung der Realität.

Daraus wird ohne weiteres der Mythos, gemäss altgriechischem Wörterbuch «Laut, Wort, Rede, Erzählung, sagenhafte Geschichte, Mär.» Um es also auf die Reihe zu bringen und in einen Gedanken zu fassen: Jeder Ausdruck hat auf den ersten Blick zwei Seiten – jene, die ihm von der ausdrückenden Person vermeintlich mitgegeben wird, und jene, die ihm von der aufnehmenden Person gegeben wird.

Auf den zweiten Blick kommen die Deutungsräume ins Spiel, vermeintlich halt: Wie klar drückt sich die Person aus, wie gut wird sie gehört? Und was meinen Dritte? Das ist weit weniger banal, als es erscheinen mag: Es ist seit Menschengedenken ein Kampfplatz um Deutungshoheit, der sich just in den jetzigen Generationen zugleich zuspitzt (vgl. obiges Titelblatt der Schweizer Illustrierten) und grundlegend verwandelt.

Die weltweite Vernetzung, die es allen ermöglicht, alle Botschaften an alle zu senden und von allen zu empfangen, erschwert nämlich Deutungshoheit ebenso wie der Zuwachs nichtalphabetischer, ideografischer Systeme namentlich im Chinesischen und in Emojis.

Zu guter Letzt: Das Wort ist ein Ort; wer erzählt, zählt – und wer versteht, steht. Aber wie gesagt – immer nur ungefähr.

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Über Medien: zur Botschaft

Was ist die Botschaft von Musik, die Botschaft dieser Männer, dieser Fotografie?

Die ganze Sprache sei «ein Simulationsmodell», meinte der kanadische Literaturwissenschaftler Hugh Kenner. Und selbstredend könnten nur Schriftstücke diesem Modell gerecht werden, führte er aus: «Wie das mathematische System alle möglichen Rechenoperationen enthält, so sind im System der Sprache alle möglichen (…) Äusserungen enthalten.»

Wenn wir von Botschaften sprechen, ist dabei meist von Sprache die Rede: «Die Botschaft hör ich wohl», ruft Faust dem Engelschor zu, «allein mir fehlt der Glaube»[, zweifelt er am Christentum. Doch so unauffällig, selbstverständlich und schwerwiegend es ist, dass Botschaften ausschliesslich in ihren Medien funktionieren können, so unauffällig, selbstverständlich und schwerwiegend ist es, dass ein Verständnis für die Botschaft nicht einfach gegeben ist.

Stumme Medien, verständnislose Botschaften

«Die Seele ist an ihren Körper gefesselt und mit ihm verwachsen, gezwungen die Wirklichkeit durch den Körper zu sehen wie durch Gitterstäbe, anstatt durch ihre eigene ungehinderte Sicht», klagte vor über 2300 Jahren Platon: Wer blind ist, kann visuelle Botschaften nicht wahrnehmen, im Vakuum schreit es sich unhörbar. Und überdies entsteht das Bild im Auge des Betrachters, ist Wahrnehmung individuelle Realität – und Realität insgesamt etwas, was wir nie gänzlich wahrnehmen können.

Seit mit den Systemen der Schrift ein Transport von Botschaften durch die Zeit möglich geworden ist, haben entsprechende Systeme eine Dominanz entwickelt. Besonders durchsetzen konnten sich Systeme, bei denen die Auslegung der Botschaften relativ unstrittig ist: vorab die Naturwissenschaften mit ihren messbaren und wiederholbaren Phänomenen.

Diese besonders auf den Naturgesetzen fussenden Systeme mit ihren klar nachzuvollziehenden Botschaften trugen etwa zur technischen Entwicklung massgeblich bei. Gleichzeitig war und ist ihre Dominanz aber immer umstritten, und schon immer war klar, dass es viele andere Systeme gibt, in denen eine verbindliche Wahrnehmung umstritten ist.

«Ich war nicht in der Lage, die Ursache dieser Eigenschaften der Schwerkraft anhand von Phänomenen zu entdecken, und ich formuliere keine Hypothesen», steckte Isaac Newton höchstselbst den Rahmen seiner Botschaften ab: «Was aus den Phänomenen nicht abgeleitet wird, ist als Hypothese zu bezeichnen, und Hypothesen, ob metaphysisch oder physisch, ob okkulter Qualitäten oder mechanisch, haben keinen Platz in der experimentellen Philosophie.»

Kaltes auf den Kopf, Heisses auf den Bauch

Um sozusagen den Grad der Wahrnehmung von Botschaften festzulegen, hat Herbert Marshall McLuhan als Analogie das System der Temperaturen vorgeschlagen. Demnach sind Medien, also Botschaften tragende Systeme desto kälter, je mehr Engagement, je mehr Intellekt zur Wahrnehmung der entsprechenden Botschaften erforderlich ist: Um eine mathematische Botschaft nachzuvollziehen, ist Abstraktionsvermögen unverzichtbar. Eine Fotografie jedoch oder eine Geräuschkulisse in Form einer musikalischen Botschaft erkennt jedes Kind – und im Gegensatz zum kühlen Medium ist beim heissen Medium die Wahrnehmung weit stärker sinnlich-kulturell verortet als mathematisch-logisch.

Dass etwas «cool» sei oder «heiss», kommt insofern nicht von ungefähr. Dass hier die Botschaften dabei zugleich klar sind und wissenschaftlich nicht zu verorten, aber auch nicht. «An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen»[, mahnt schon die Bibel und schlägt eine Methode vor, um trügerischen Botschaften nicht aufzusitzen.

Die mathematisch-logische Unwägbarkeit vieler Systeme und ihrer Botschaften machen sie untauglich für die Naturwissenschaften. In der Psychologie und ihren Versuchsanordnungen jedoch hat sich seit jeher die phänomenale Wirkung heisser Botschaften erwiesen. Jean Gebser hat diesbezüglich vier Bereiche vorgeschlagen, die ständig wirksam sind: ein archaisches Feld, das keine oder allenfalls eine geruchlich-animalische Dimension hat; ein magisches Feld, das akustische Dimension hat, in dem alle zugehörig sind und alles miteinander verbunden ist; ein mythisches Feld, das sprachliche Dimension hat, uns entspricht und erzählen lässt; und ein rationales Feld, das visuelle Dimension hat, uns einsehen lässt und einsichtig werden.

Design von Botschaften

Vor allem Politik und Werbung trachten nach möglichst heissen Botschaften: «Sex sells» ist hier ebenso alltäglich wie oberflächlich und tiefgreifend. Alltäglich, aber weit weniger plakativ als suggestiv dagegen sind Methoden wie das Wahrnehmungs-Management von Regierungen oder Konzernen. Das Standardwerk hat diesbezüglich George Orwell geschrieben: Im Roman «1984» transportiert der Brite in einem literarischen System umfassend die Botschaft, wie die Wahrnehmung von Menschen zu beeinflussen ist.

Die Analyse von Botschaften und ihren Medien, das Forschen nach der Grammatik dieser Systeme zeigt, wie sehr eine grundlegende Auseinandersetzung fehlt: Die Menschen thematisieren gegebenenfalls die Flut von Botschaften; sie reagieren prompt, also instinktiv oder impulsiv auf diese und jene Botschaft von links oder rechts, auf dieses und jenes System von Mac oder PC, auf diese und jene Person, die eine rhythmische Botschaft vermittelt von Eminem bis zu Shakira.

Aber obschon Botschaften und Medien nicht nur unseren Alltag beeinflussen, sondern auch unsere Haltungen, ist sogar die Auseinandersetzung mit den Medien selbst eher oberflächlich: Die Diskussionen drehen sich hier um Objektivität oder Fake, um die Zukunft von Zeitungen oder Geschäftsmodelle im Internet.

Die Grammatik von Botschaften jedoch, mithin die obigen Überlegungen, sind kaum ein Thema. Im deutschen Sprachraum, wo angeblich Dichter und Denker leben, geht die Ignoranz soweit, dass «understanding media», schlechthin das Standardwerk dieser Grammatik, in Deutsch seit Jahren nicht mehr verlegt wird.


Über Medien: zum Medium

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Was für ein gewaltiges Medium, welch grandiose Erweiterung der Hand.

Vorweg ist nur Wahrnehmung: sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen – was die Sinne hergeben halt. Das Verb fühlen (und Wahrnehmung ist ursächlich mit Verben verbunden) führt indes schon weiter: Ein Gefühl muss nämlich nicht körperlich sein – ich habe das Gefühl, dass ihr mich nicht versteht.

Hier kippt die Wahrnehmung vom Körperlichen ins Geistige und wird abstrakt, intellektuell (und wer im Deutschen ganz genau hinschaut, wird den inneren Zusammenhang von Futur und Passiv erkennen).

Für Dummies, die wir sind: Der Mensch lernt einfach sprechen. Ein intellektuelles Verhältnis zur Sprache ist dafür nicht notwendig, Kenntnisse über die Grammatik der Sprache braucht der Mensch so wenig wie der Vogel Lektionen in Pfeif- oder Flugtechniken.

Wahrnehmung der Wahrnehmung

«Man soll sich der Ursache, der Wirkung eben nur als reiner Begriffe bedienen», meinte diesbezüglich Friedrich Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse, «das heisst als konventioneller Fiktionen zum Zweck der Bezeichnung, der Verständigung, nicht der Erklärung».

Nicht nur die Sprache hat ihre Grammatik, sondern jede Erscheinung und Wahrnehmung – ein Grossteil der intellektuellen und wissenschaftlichen Leistungen erforschen denn auch Grammatiken und machen dabei Regeln sichtbar, die regelmässig, aber oft zufällig neue Wege der Wahrnehmung erschliessen.

Womit wir bei den Medien sind: «Jedes Medium hat die Macht, seine Postulate dem ahnungslosen aufzuzwingen», fand Herbert Marshall McLuhan, dessen Erwägungen zu Medien eine tragende Grundlage dieser Zeilen bilden. Ahnungslos ist der Vogel gegenüber den Postulaten der Luft, die das Fliegen ermöglichen, ahnungslos ist das Kind gegenüber den Postulaten der Luft, die den Klang der Stimme tragen.

«Der Inhalt von Geschriebenem oder Gedrucktem ist Sprache», warnte McLuhan, «aber der Leser ist sich des Drucks oder der Sprache fast gar nicht bewusst».

Medien als Träger

Eine für alle Medien charakteristische Tatsache ist laut McLuhan, «dass der Inhalt jedes Mediums immer ein anderes Medium ist. Der Inhalt der Schrift ist Sprache, genauso wie das geschriebene Wort Inhalt des Buchdruckes ist (…)».

Hier zeigt sich einerseits, dass der Begriff des Mediums weit zu fassen ist: Nicht nur Zeitungen, Fernseher oder Radios sind Medien, sondern alle vermittelnden Träger. Die Luft ist das Medium, das den Flügel trägt; der Flügel ist das Medium, das den Vogel oder das Flugzeug trägt; die Feder oder das Metall ist das Medium, das die Flügel trägt, die Moleküle sind die Medien, die Metall oder Federn tragen.

Andererseits haben Medien neben der Trägerfunktion noch eine andere: Medien tragen nicht nur Botschaften, etwa Buchstaben eine Sprache, Zeitungen Artikel und Bilder, Musikplayer Songs oder Webseiten all das zusammen sowie Filme.

Das Medium ist die Botschaft

«Das Medium ist die Botschaft», lautet eine der zentralen Aussagen von McLuhan: Der Umstand, dass es ein Telefon gibt, hat mindestens ebensoviel Wirkung wie das, was per Telefon an Botschaften ausgetauscht wird.

Dass im Medium selbst eine Botschaft liegt, dürfte nicht schwierig nachzuvollziehen sein, wenn wir darüber nachdenken, welche Botschaften die Menschen mit ihren Medien so austauschen: «Noch ein Jahrhundert Leser», ätzte Nietzsche, «und der Geist selber wird stinken».

Die Botschaft von Flugzeugen, die als Medien erst zum Fahrrad, dann zum Pferd und schliesslich zum abrollenden Fuss führen, ist enorm, desgleichen die Botschaften von Medien wie Baggern, die über die Schaufel zur Hand führen, oder von Computern, die über Schreibmaschinen zur Schrift und zur Sprache führen.

Ein ganz besonderes Medium ist dabei das Licht: Hier fällt die Botschaft des Mediums nämlich mit der Botschaft zusammen, die das Medium trägt.

McLuhan begnügte sich nicht damit, die Grammatik der Medien zu erforschen, sondern fragte auch nach der Genese, der Entstehung. Er behauptete, dass Menschen Medien dann entwickeln, wenn sie etwas nicht mehr ertragen: nicht mehr mit der Hand ein Loch graben oder etwas befestigen, sondern eine Schaufel erfinden und einen Hammer; nicht mehr sich flüsternd oder schreiend austauschen, sondern die Schrift entwickeln, den Lautsprecher und das Telefon.

Das Medium als Extention

Dieser Prozess gehe weit und weiter: «Wenn wir einmal unser Zentralnervensystem zur elektromagnetischen Technik ausgeweitet haben, ist es nur mehr ein Schritt zur Übertragung unseres Bewusstseins auch auf die Welt der Computer», schrieb McLuhan Jahrzehnte vor dem PC.

Die Medien der Menschen seien dabei immer Ausweitungen, Äusserungen ihrer selbst, behauptete McLuhan weiter. Und diese Äusserung, dieses Ausweiten von etwas, das im Menschen steckt, sei schmerzhaft – einer Amputation vergleichbar.

Deshalb seien die Menschen wie betäubt, wenn es eine neue Ausweitung nach draussen schaffe, folgerte McLuhan. Er argumentiert dabei mit Narziss, der sein Spiegelbild im Medium eines Teiches sah und darin versank. Narziss sei dabei keineswegs in narzisstischer Manier selbstverliebt gewesen, sondern betäubt und gebannt von dieser Äusserung seiner selbst: dem Spielbild im Medium des Wassers.

Wer die Menschen zurzeit angesichts ihrer jüngsten Ausweitungen namens Smartphone beobachtet, dürfte McLuhan ohne weiteres folgen können.

Fernseher durchschauen

Fernseher durchschauen – schüchterner Riese, nicht unkritisierbares Trivialmonster

Im nachfolgenden Artikel ist die Funktion von Medien zentral – also auch die Sprache. Weil der Artikel aber in Deutsch geschrieben ist, bleiben Anspielungen, die mit bestimmten deutschen Begriffen zu tun haben, in anderen Sprachen leider unverständlich. Das beginnt schon beim Titel: „Fernseher durchschauen“. Zum einen ist „Fernseher“ aktiv und passiv, bezieht sich also auf das TV-Gerät und den TV-Zuschauer. Zum anderen ist auch das Verb „durchschauen“ mehrdeutig. Es bedeutet, durch etwas hindurch zu schauen, aber auch, etwas zu erkennen, herauszufinden – und zwar etwas von hinterhältiger Art: „Lügner, ich habe dich durchschaut“, zum Beispiel. Der nachfolgende Text ist voller solcher Mehrdeutigkeiten, denn es geht ja um Medien – wie die Sprache und die Schrift. 

Prolog

«Im ABC der Relativität erklärt Bertrand Russell eingangs, dass die Gedanken Einsteins nicht schwierig sind, dass sie aber eine völlig neue Ordnung unserer Vorstellungswelt verlangen. Genau zu dieser Neuordnung der Vorstellung kommt es mit dem Fernsehbild.»
Herbert Marshall McLuhan, „understanding media“

Wenn wir das Fernsehen begreifen wollen, werden wir scheitern, weil es im Fernsehen wirklich nichts zum Begreifen gibt. Wollten wir es verstehen, wird das ebenfalls misslingen, weil das Fernsehbild pro Sekunde Millionen Punkte verändert, im TV also wirklich nichts steht und zu verstehen ist.

Mithin gibt es da auch nichts zu erklären (wer sich beim Lesen nun gedanklich  verabschiedet, ist wohl gerade denkfaul und mag schlafwandeln oder vom Schlaf des Gerechten tagträumen).

Durchschauen allerdings, das liegt im Wesen des Massenmediums und des Verbes, durchschauen lässt sich das Fernsehen wohl. Indes ist dieses Verb „durchschauen“ moralisch besetzt: Was zu durchschauen ist, erscheint verdächtig. Und auch wenn es beim Adjektiv „verdächtig“ nur ums Denken geht, zeigt dessen moralische Belegung, die sich in der Tat mit der Drucktechnik einbürgerte, welch unerkanntes Gewicht den Worten und anderen Medien innewohnt – sichtbar gemacht auch und gerade vom unglaublich einladenden und nüchternen Fernsehen.

Insofern erscheint es nicht nur formal seltsam, dem Fernsehen mit Buchstaben beizukommen, sondern auch inhaltlich: schwierig, das Fernsehen durchschauen zu wollen, ohne dieses Medium vorsätzlich in einem schiefen Licht erscheinen zu lassen, um sprachlich nahe beim Thema zu bleiben.

Es ist ein unauffälliges, aber deutliches Zeichen von Unwissen oder Bewusstlosigkeit (ich schwanke zwischen Nomen), wenn Medien moralisch belegt, in Kategorien von gut und schlecht geteilt werden: Medien sind zwar. Wesen jedoch, denen über ein Gewissen Moral gestülpt werden könnte, sind Medien nie – und nimmer.

Was wiederum keinesfalls heisst, dass es auf die Inhalte ankäme: Das Medium ist die Botschaft. Im Fernsehen ist, wie in jedem Medium vom Hammer übers Auto bis zum eMail, eine ganz eigen- und einzigartige Kraft. Und zwar unabhängig vom Inhalt, der vom Nagel vor dem Hammer über den Passagier im Auto bis zum 😉 transportiert wird.

Etwa Novalis, Beaudelaire oder Joyce, aber insbesondere auch Herbert Marshall McLuhan oder Jean Gebser, zwei zurzeit wenig beachtete Väter der Medienwissenschaft, haben darüber nachgedacht und es hier weitschweifend, dort dicht auf die Reihe der Buchstaben gebracht: Im vorliegenden Text ist allenfalls Anregung; teils oberflächlich plakativ, teils punktuell tiefgreifend – auch die neue deutsche Rechtschreibung und ihre vielfältige Wertigkeit erscheint übrigens mit als Folge der Botschaft gerade des Fernsehens, das eben so (!) wirklich wie unbewusst durchschauen und erkennen lässt, wann und wenn tief sinnige Konjunktionen, Adjektive, Verben auseinander genommen werden…

Nun muss Raum sein für gedankliche Erholung (oder Wiederholung des Gelesenen); wir können der Wucht unserer Medien nicht auf Anhieb gewachsen sein!

«Jeder erlebt viel mehr, als er versteht. Doch gerade das Erleben beeinflusst weit mehr als das Verstehen unser Verhalten, besonders im kollektiven Bereich der Medien und der Technik, da der einzelne sich der Auswirkungen, die sie auf ihn haben, fast nie bewusst wird. Manche Leute finden es paradox, dass ein kühles Medium wie das Fernsehen viel gedrängter und komplexer sein soll als ein heisses Medium, wie es der Film ist.»
Herbert Marshall McLuhan, „understanding media“

Wenn wir einem Medium, einem Massenmedium vielleicht gar, gewachsen sein wollten, müssten wir es überblicken. Hinsichtlich Fernsehen den Überblick zu haben, ist einem Einzelnen jedoch ganz offensichtlich unmöglich, und das nicht nur, weil zu Sätzen aufgereihte Worte zwar sinniger- und erstaunlicherweise er-zählen und mit-teilen, aber nicht wirklich ins Bild setzen können – so wie das rasend Bilder kon- und dekonstruierende Fernsehen im Gegensatz zur Foto, zum Gemälde und zur sogenannten Wirklichkeit nur vorgibt, ein Bild abzugeben. Bleiben gedankliche Werkzeuge, Möglichkeiten der Untersuchung, Analysen.

Weil sich da zahllose Ansätze bieten, sind einerseits umfassende Ansprüche, andererseits schlagende Argumente nicht zu erwarten. Das wiederum hat zur Folge, dass die Wissenschaft oder die Mode allfällige Methoden mit Fug und Recht verurteilen kann.

Sei’s drum: Wenn die hier freigelegten Gedankengänge auch nur teilweise und auch nur bei Einzelnen ankommen, ist mein Anspruch erfüllt.

Zuvorderst bemüht sei die Grammatik des Fernsehen vom Oberflächlichen her: Sender oder „Kommunikator“ – Medium – Empfänger oder „RezipientInnen“. Tiefer: Ein Kommunikator, zahllose Rezipienten. Was den Schluss nahelegt, dass sich aus der Kontrolle über die Kommunikatoren eine Kontrolle über die Rezipienten ergebe.

Das greift eingedenk der psychologischen Fertigkeiten der Kommunikatoren zwar nicht ganz daneben, aber viel zu kurz: Das Medium ist die Botschaft, also bildet zum einen das Fernsehen als solches die Hauptquelle seiner Wirkungen, und zum anderen bleibt das Urteil der Rezipienten weitgehend unbelastet vom Urteil der Kommunikatoren.

Noch tiefer: «Man wird klugerweise beim Studium dieser Fragen über die Medien sich aller Werturteile enthalten, da ihre Wirkungen nicht isoliert betrachtet werden können», schrieb McLuhan im Klassiker „Understanding Media“, der vielleicht bezeichnenderweise in Deutsch nur noch antiquarisch erhältlich ist.

Weiter im Text: Wie das Radio, wie Musik, Fotos oder Gemälde, wie Körpersprachen, Farben oder Düfte hat das Fernsehen eine unheimlich einnehmende Kraft, fährt unerhört ein, macht einen ebenso unbestimmten wie starken Eindruck, verschmelzt Objekt und Subjekt, um im Grammatikalischen zu bleiben.

«Die Wirkung des Fernsehens, als der jüngsten und sensationellsten Ausweitung unseres Zentralnervensystems, ist aus verschiedenen Gründen schwer erfahrbar. Da es unser Leben in seiner sozialen und politischen Gesamtheit berührt, wäre es unklug zu versuchen, eine „systematische“ oder visuelle Darstellung eines derartigen Einflusses zu geben.»
Herbert Marshall McLuhan, „understanding media“

Kleine Kinder, ja sogar Tiere, deren Augen das Fernsehbild sehen, können ohne weiteres fernsehen. Das Lesen hingegen und das Schreiben erfordert nicht nur menschliche Fähigkeit, sondern auch ein mühseliges Umwandeln dieser Fähigkeiten in Fertigkeiten.

Gewissermassen übers Kreuz allerdings ähnelt die Schrift, das Internet oder das Musizieren dem Fernsehen: Verlangt wird hier, im Gegensatz etwa zum Radio, zum Bild oder zum Ton, ein grosses Mass an Anteilnahme, Beteiligung, gedanklicher Auseinandersetzung: Der fortgesetzte Blick in den Fernseher – einen anderen kann es wirklich nicht geben – erfordert ein ständiges Ergänzen seitens der Zuschauer vom unbewussten Montieren der flimmernden Punkte über das Abrunden des eckigen Fernsehbildes bis zum Einordnen der Inhalte ins eigene Leben und ins Leben der anderen.

McLuhan schreibt hier zum einen von einem „kalten Medium“, das mit seinem hohen intellektuellen Anspruch die Zuschauenden nicht zu unbewusstem Tun anregt, nicht aufheizt, nicht aufhetzt wie das Radio vom Deutschen Reich über Ex-Jugoslawien bis Ruanda, wobei mir dieser waghalsige Schlenker verziehen sei im kalten Medium der Druckschrift.

Als „schüchternen Riesen“ bezeichnet McLuhan das Fernsehen zum anderen und insofern – die Wirklichkeit ist eben wirklich weder logisch noch linear. Ich zitiere weiter:

«Die westliche Lebensweise, wie sie schon seit Jahrhunderten durch strenge Trennung und Spezialisierung zustande kam, wobei das Sehen die wichtigste Rolle übernahm, kann den Radio- und Fernsehwellen nicht standhalten, welche die ganze Augenwelt des abstrakten individualistischen Menschen überfluten.»

«Die meisten technischen Formen bewirken eine Verstärkung, die in ihrer Trennung der Sinne deutlich wird. Das Radio ist eine Erweiterung des Gehörs, die sehr naturgetreue Fotografie erweitert den Gesichtssinn. Aber das Fernsehen ist vor allem eine Erweiterung des Tastsinns, der ein optimales Wechselspiel der Sinne mit sich bringt. Für den westlichen Menschen jedoch erfolgte die allumfassende Erweiterung durch die phonetische Schrift, die eine Technik der Erweiterung des Gesichtssinns darstellt. Alle nichtphonetischen Schriftformen sind demgegenüber künstlerische Aussage, die noch viel von der Mannigfaltigkeit des Zusammenspiels der Sinne an sich hat. Die phonetische Schrift allein besitzt die Macht, die Sinne zu spalten und aufzuteilen und die semantische Vielschichtigkeit abzustossen. Das Fernsehen kehrt diesen analytischen Aufspaltungsprozess des Alphabetentums um.»

«Das Fernsehbild ist also noch weitgehender als das Bildsymbol eine Ausweitung des Tastsinns. Wenn es auf eine alphabetische Gesellschaft wirkt, verdichtet es zwangsläufig das Zusammenspiel der Sinne, indem es partielle und spezialisierte Erweiterungen in eine nahtlos verflochtene Erlebnisform verwandelt. Eine solche Umwandlung ist natürlich für eine alphabetische, spezialisierte Gesellschaft eine „Katastrophe“. Durch sie werden viele liebe, alte Einstellungen und Methoden verwischt. Auch die Wirksamkeit unserer grundlegenden Lehrmethoden und die Gültigkeit der Lehrpläne wird fraglich. Schon aus diesem Grund allein wäre es gut, wenn wir die Dynamik dieser Formen verstünden, wie sie in unser Leben und in das anderer Formen eindringen. Fernsehen macht eher kurzsichtig.»
Herbert Marshall McLuhan, „understanding media“

Mit zwei kurzen Imperativen: Lest, wenn Ihr den Staat erhalten wollt! Schaut Fernsehen, damit alle Menschen Geschwister werden!

Epilog

«Wir glauben, die Wesensmerkmale einer neuen Epoche, dieser neuen Wirklichkeit in fast allen Ausdrucksformen unserer Zeit zu erkennen, nicht nur in den schöpferischen Werken der modernen Kunst, sondern auch in den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften sowie in denen der Geisteswissenschaften.»
Jean Gebser, „Ursprung und Gegenwart“

PS
Gelegentlich werde ich versuchen, weitere Medien zu verorten.