Über Medien: zur Sprache

Wenn wir etwas nicht mehr aushalten, finden wir dafür einen Ausdruck. Das behauptete vor gut zwei Generationen Herbert Marshall McLuhan. Er war Kanadier, war also nicht zuhause in der deutschen Sprache, die am «Ausdruck» eindeutig den Druck und sein Herauslassen aufzeigt.

Indes hat das angloamerikanische Pendant «expression» mit seinem lateinischen Hintergrund dieselbe Prägung wie der deutsche Ausdruck. «Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück», fand in diesen Zusammenhängen Karl Kraus, der als Schriftsteller in Wien eine gute Generation vor McLuhan wirkte – die beiden dürften nichts voneinander gewusst haben.

Solche Blätter entfalten im Todeskampf nochmals ihre ganze verführerische Kraft. Es nützt aber nichts und niemandem mehr und berührt die Menschen zunehmend peinlich.

McLuhan begründete seine Behauptung, wonach jegliche menschliche Ausdrucksform ein Resultat von unerträglichem innerem Druck sei, nicht mit einer Annäherung an den Begriff, um eine weitere sprechende Bezeichnung heranzuziehen. McLuhan argumentierte kulturhistorisch und literarisch, ähnlich übrigens wie Jean Gebser, ein in Bern wirkender Zeitgenosse von McLuhan – auch die beiden dürften nichts voneinander gewusst haben.

Als kulturhistorischer Befund hier etwa steinzeitliche archäologische Überbleibsel von mundlosen menschlichen Figuren, die plötzlich abgelöst werden von Gesichtern mit Mündern; oder die alte Geschichte vom sagenhaften König Kadmos, der Drachenzähne sät und Krieger erntet, aber Macht und Kontrolle auch mit dem Alphabet ausübt, das er in Griechenland sät. Oder Malereien, die bis ins Mittelalter nie Perspektive erkennen lassen und plötzlich den Raum erschliessen.

Und dort als literarischer Befund etwa der einsame Friedrich Nietzsche, der ätzte: «Dass jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken». Oder die Anmerkungen des Westafrikanischen Adligen Modupe. Im frühen 20. Jahrhundert fand er aus seiner schriftlosen Kultur staunend zu einer klassisch-humanistischen Ausbildung, und meinte angesichts von Büchern, die Zeichen auf den Seiten seien eingefangene Wörter. «Ein jeder konnte die Symbole entziffern lernen und die eingefangenen Wörter im Sprechen wieder freilassen.»

Der Belebungsversuch befremdet doch eher.

Womit wir einigermassen festen Grund erreichen: Worte sind klar ein- und abgegrenzt, und sie müssen linear aufeinanderfolgen, um sich den Lesenden zu erschliessen (nicht mehr auf Papier allerdings, was von entscheidender Bedeutung ist – siehe weiter unten). Doch selbst wenn sich Worte in linearer Folge und Form erschliessen, bleibt ein grenzenloser Deutungsraum: Wie zuerst Plato umfassend erläuterte, entsteht das Bild im Auge der Betrachtenden, ist die Idee platonisch und eine bruchstückhafte Vorstellung der Realität.

Daraus wird ohne weiteres der Mythos, gemäss altgriechischem Wörterbuch «Laut, Wort, Rede, Erzählung, sagenhafte Geschichte, Mär.» Um es also auf die Reihe zu bringen und in einen Gedanken zu fassen: Jeder Ausdruck hat auf den ersten Blick zwei Seiten – jene, die ihm von der ausdrückenden Person vermeintlich mitgegeben wird, und jene, die ihm von der aufnehmenden Person gegeben wird.

Auf den zweiten Blick kommen die Deutungsräume ins Spiel, vermeintlich halt: Wie klar drückt sich die Person aus, wie gut wird sie gehört? Und was meinen Dritte? Das ist weit weniger banal, als es erscheinen mag: Es ist seit Menschengedenken ein Kampfplatz um Deutungshoheit, der sich just in den jetzigen Generationen zugleich zuspitzt (vgl. obiges Titelblatt der Schweizer Illustrierten) und grundlegend verwandelt.

Die weltweite Vernetzung, die es allen ermöglicht, alle Botschaften an alle zu senden und von allen zu empfangen, erschwert nämlich Deutungshoheit ebenso wie der Zuwachs nichtalphabetischer, ideografischer Systeme namentlich im Chinesischen und in Emojis.

Zu guter Letzt: Das Wort ist ein Ort; wer erzählt, zählt – und wer versteht, steht. Aber wie gesagt – immer nur ungefähr.

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