Über Medien: zum Kommunikator

Menschenmasse
Wenn alles schweigt und einer spricht: Die klassische Einwegkommunikation ist technisch radikal überholt – und fast niemand nimmt es wirklich wahr.

Platon sei «bei all seinem Streben nach der idealen Schule nicht aufgefallen, dass Athen als Schule bedeutender war als die Universität seiner Träume», schrieb Herbert Marshall McLuhan 1964 in «Understanding Media», einem nach wie vor weitgehend unverstandenen Standardwerk zu Medien.

Der Philosoph hat laut McLuhan nicht erkannt, dass das Medium die Botschaft ist – also die ganze «Athener Schule» als Medium sozusagen schon jene Wirkung hatte, nach der Plato strebte. «Die grösste Schule lag für den Menschen schon fertig zur Verwendung vor, bevor sie noch erdacht war», erläutert McLuhan, und das gelte für alle Medien: «Sie sind schon lange ausgeführt, bevor sie ausgedacht sind.»

Vor lauter Bäumen den Wald übersehen

Rückblickend mag einleuchten, dass Platon die historische Bedeutung der «Athener Schule» kaum ermessen konnte: weil er gefangen war in kleinlichen Gedanken, im Wettbewerb mit seinen Zeitgenossen Aristoteles oder Dionysios, in politischem Streit um den Tyrannen Archytasin, in familiären und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um seine eigene Ehe- und Kinderlosigkeit vielleicht? Umgekehrt bleibt ähnlich schwer zu begreifen, dass auch wir hier und jetzt nicht genügend Flughöhe haben können, um genug zu erkennen: «Die Wirklichkeit ist das, was wir nie komplett verstehen werden», brachte es zuletzt etwa David Graeber auf den Punkt.

Die gängigen Vorstellungen der Medien, wie sie im deutschsprachigen Raum etwa Friedemann Schulz von Thun prominent darstellt, sind insofern kindlich im besten Sinn: hier Kommunikatoren oder Sender, die mittels Medien Botschaften dort an Rezipienten oder Empfänger geben – wobei jeweils verschiedene Ebenen wirkten. Das ist grundlegende Einfalt: Ich als Kommunikator schreibe etwas, das ihr als Rezipienten lest – aber vielleicht nicht verstehen könnt oder nicht wollt oder falsch versteht in meinem Sinn oder was der Wirklichkeits- und Wahrnehmungsebenen mehr sind.

Womit wir uns dem Kern des Pudels nähern – und in dem von Goethe erdachten Pudel steckt sinnigerweise vordergründig ein so eifriger wie einfältiger Scholare und hintergründig das Tückische von Mephisto. Mithin ist im «Faust» jene Flughöhe oder Gedankentiefe, welche über die kindliche Einfalt hinaus zum Abstrakten und Intellektuelle führt, das wir hier doch gerne voraussetzen.

Massenkommunikation für jeden einzeln

Eine Erkenntnis daraus ist mit Blick auf die Medienlandschaft die grundsätzliche Veränderung des Kommunikators: Standen bisher Medien weitgehend für Massenmedien und Kommunikatoren dafür, dass alles schweigt und einer spricht, hat sich das verändert – und fast niemand nimmt es wahr.

Die Einweg- und Massenkommunikation ist technisch überholt, inzwischen können alle mit allen kommunizieren. Das war noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar. Freilich schrieb McLuhan 1964, PCs oder Smartphones lagen noch eine Generation und mehr in der Zukunft: «Im gegenwärtigen Zeitalter der Elektrizität erleben wir, wie wir immer mehr in die Form der Information verwandelt werden und einer technischen Erweiterung des Bewusstseins entgegengehen.»

Mit den neuen Medien werde es «möglich, alles zu speichern und zu übertragen», führte McLuhan 1964 die Zukunft, die unsere Gegenwart ist, weiter aus. Allerdings ist laut McLuhan die Digitalisierung im Gegensatz zu früheren Techniken «total und allumfassend» – mit Folgen: «Ein allgemeines Gewähren oder Gewissen ist jetzt so notwendig wie ein persönliches Bewusstsein.»

Hier kann die Botschaft McLuhan ideologisch verstanden werden, sie dürfte aber technisch sein: weniger ein moralischer Aufruf an die Kommunikatoren und Rezipienten, im Individuellen und im Kollektiven bewusst und gewissenhaft zu werden, als eine technische Folgerichtigkeit. McLuhan geht in diesen Zusammenhängen so weit, bis er vage wird. Hinsichtlich der Zahlen, die er als Medium mit dem Tastsinn verbindet, mutmasst er: «Vielleicht ist Tastempfindung nicht blosser Kontakt der Haut mit den Dingen, sondern das Leben der Dinge im Geistigen selbst.»

Bewusstmachen oder bewusst machen

In den einfältigeren Zusammenhängen, die Gegenstand dieser Zeilen sind, mag es reichen, sich die simplen Funktionen von Kommunikator und Rezipient, Botschaft und Medium bewusstzumachen, sie mithin bewusst zu machen. Aber weiterführend sind nur die weitergehenden Wirkungen, die in den Funktionen stecken wie der Scholar und Mephisto in Fausts Pudel.

Die simple Sichtweise, wonach ein Kommunikator als aktiver Teil eine Botschaft mittels eines Mediums zum Rezipienten transportiere, greift zu kurz: Spätestens seit die Physik nachgewiesen hat, dass Licht zugleich Körper und Impuls ist oder dass Teile unter Beobachtung ihr Verhalten ändern, ist die Auseinandersetzung mit umfassenderen Wirkungen von Kommunikation zwingend. Sachgerechte Anwendung sowie Anregungen namentlich von Sigmund Freud zur Massenpsychologie oder von George Orwell zur Massenkommunikation helfen zwar beim Kommunikator und beim Rezipient, mithin auf beiden Seiten von Botschaften und Medien, das willkürliche Geschehen zu erfassen.

Da der Mensch selbst ein Medium ist, das moralische Botschaften trägt, ist eine moralische Ausrichtung dabei unvermeidlich, wie insbesondere Friedrich Nietzsche dargelegt hat. Vorab dank der Menschen Medienwerke ist die Welt aber derweil zum Dorf geworden, wie McLuhan feststellte. Folglich ist die persönliche Betroffenheit als Kommunikator, als Rezipient und als Träger von Botschaften weltumspannend, und deshalb gehört die ganze Welt ins Blickfeld.

Das aber ist eine ähnliche Überforderung wie etwa die Wahrnehmung des Unter- und Unbewussten. Doch wenn wir diese Überforderung erkennen und anerkennen, sind wir nicht mehr von jener kindlichen Einfalt, die Bauklötze ebenso lustvoll und bewusstlos zerstört wie Zivilisationen – ja die ganze Welt. McLuhan war zuversichtlich, er zeichnete 1964 ein «Bild des Goldenen Zeitalters als einer Welt der vollständigen Metamorphose oder Übertragung der Natur in menschliche Kunst», die sich den Menschen eröffnen werde.

Schön wär’s.

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