Über Medien: zum Medium

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Was für ein gewaltiges Medium, welch grandiose Erweiterung der Hand.

Vorweg ist nur Wahrnehmung: sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen – was die Sinne hergeben halt. Das Verb fühlen (und Wahrnehmung ist ursächlich mit Verben verbunden) führt indes schon weiter: Ein Gefühl muss nämlich nicht körperlich sein – ich habe das Gefühl, dass ihr mich nicht versteht.

Hier kippt die Wahrnehmung vom Körperlichen ins Geistige und wird abstrakt, intellektuell (und wer im Deutschen ganz genau hinschaut, wird den inneren Zusammenhang von Futur und Passiv erkennen).

Für Dummies, die wir sind: Der Mensch lernt einfach sprechen. Ein intellektuelles Verhältnis zur Sprache ist dafür nicht notwendig, Kenntnisse über die Grammatik der Sprache braucht der Mensch so wenig wie der Vogel Lektionen in Pfeif- oder Flugtechniken.

Wahrnehmung der Wahrnehmung

«Man soll sich der Ursache, der Wirkung eben nur als reiner Begriffe bedienen», meinte diesbezüglich Friedrich Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse, «das heisst als konventioneller Fiktionen zum Zweck der Bezeichnung, der Verständigung, nicht der Erklärung».

Nicht nur die Sprache hat ihre Grammatik, sondern jede Erscheinung und Wahrnehmung – ein Grossteil der intellektuellen und wissenschaftlichen Leistungen erforschen denn auch Grammatiken und machen dabei Regeln sichtbar, die regelmässig, aber oft zufällig neue Wege der Wahrnehmung erschliessen.

Womit wir bei den Medien sind: «Jedes Medium hat die Macht, seine Postulate dem ahnungslosen aufzuzwingen», fand Herbert Marshall McLuhan, dessen Erwägungen zu Medien eine tragende Grundlage dieser Zeilen bilden. Ahnungslos ist der Vogel gegenüber den Postulaten der Luft, die das Fliegen ermöglichen, ahnungslos ist das Kind gegenüber den Postulaten der Luft, die den Klang der Stimme tragen.

«Der Inhalt von Geschriebenem oder Gedrucktem ist Sprache», warnte McLuhan, «aber der Leser ist sich des Drucks oder der Sprache fast gar nicht bewusst».

Medien als Träger

Eine für alle Medien charakteristische Tatsache ist laut McLuhan, «dass der Inhalt jedes Mediums immer ein anderes Medium ist. Der Inhalt der Schrift ist Sprache, genauso wie das geschriebene Wort Inhalt des Buchdruckes ist (…)».

Hier zeigt sich einerseits, dass der Begriff des Mediums weit zu fassen ist: Nicht nur Zeitungen, Fernseher oder Radios sind Medien, sondern alle vermittelnden Träger. Die Luft ist das Medium, das den Flügel trägt; der Flügel ist das Medium, das den Vogel oder das Flugzeug trägt; die Feder oder das Metall ist das Medium, das die Flügel trägt, die Moleküle sind die Medien, die Metall oder Federn tragen.

Andererseits haben Medien neben der Trägerfunktion noch eine andere: Medien tragen nicht nur Botschaften, etwa Buchstaben eine Sprache, Zeitungen Artikel und Bilder, Musikplayer Songs oder Webseiten all das zusammen sowie Filme.

Das Medium ist die Botschaft

«Das Medium ist die Botschaft», lautet eine der zentralen Aussagen von McLuhan: Der Umstand, dass es ein Telefon gibt, hat mindestens ebensoviel Wirkung wie das, was per Telefon an Botschaften ausgetauscht wird.

Dass im Medium selbst eine Botschaft liegt, dürfte nicht schwierig nachzuvollziehen sein, wenn wir darüber nachdenken, welche Botschaften die Menschen mit ihren Medien so austauschen: «Noch ein Jahrhundert Leser», ätzte Nietzsche, «und der Geist selber wird stinken».

Die Botschaft von Flugzeugen, die als Medien erst zum Fahrrad, dann zum Pferd und schliesslich zum abrollenden Fuss führen, ist enorm, desgleichen die Botschaften von Medien wie Baggern, die über die Schaufel zur Hand führen, oder von Computern, die über Schreibmaschinen zur Schrift und zur Sprache führen.

Ein ganz besonderes Medium ist dabei das Licht: Hier fällt die Botschaft des Mediums nämlich mit der Botschaft zusammen, die das Medium trägt.

McLuhan begnügte sich nicht damit, die Grammatik der Medien zu erforschen, sondern fragte auch nach der Genese, der Entstehung. Er behauptete, dass Menschen Medien dann entwickeln, wenn sie etwas nicht mehr ertragen: nicht mehr mit der Hand ein Loch graben oder etwas befestigen, sondern eine Schaufel erfinden und einen Hammer; nicht mehr sich flüsternd oder schreiend austauschen, sondern die Schrift entwickeln, den Lautsprecher und das Telefon.

Das Medium als Extention

Dieser Prozess gehe weit und weiter: «Wenn wir einmal unser Zentralnervensystem zur elektromagnetischen Technik ausgeweitet haben, ist es nur mehr ein Schritt zur Übertragung unseres Bewusstseins auch auf die Welt der Computer», schrieb McLuhan Jahrzehnte vor dem PC.

Die Medien der Menschen seien dabei immer Ausweitungen, Äusserungen ihrer selbst, behauptete McLuhan weiter. Und diese Äusserung, dieses Ausweiten von etwas, das im Menschen steckt, sei schmerzhaft – einer Amputation vergleichbar.

Deshalb seien die Menschen wie betäubt, wenn es eine neue Ausweitung nach draussen schaffe, folgerte McLuhan. Er argumentiert dabei mit Narziss, der sein Spiegelbild im Medium eines Teiches sah und darin versank. Narziss sei dabei keineswegs in narzisstischer Manier selbstverliebt gewesen, sondern betäubt und gebannt von dieser Äusserung seiner selbst: dem Spielbild im Medium des Wassers.

Wer die Menschen zurzeit angesichts ihrer jüngsten Ausweitungen namens Smartphone beobachtet, dürfte McLuhan ohne weiteres folgen können.

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