Beziehunger on the road

Mit Handys in den Händen betreten die beiden Frauen den spärlich besetzten Speisewagen und setzen sich. Zwischen Gesprächsfetzen starren und tippen sie pausenlos auf ihre Handys – ob sie wohl früher gestrickt hätten, ob man das wohl tut, um ganz bei sich zu sein?

Auch als der Serviceangestellte, ein junger Deutscher, die Bestellung aufnimmt, wenden sie ihren Blick kaum von den kleinen Bildschirmen.

Eine warme Ovomaltine will die eine, eine kalte Ovomaltine die andere – „und ein Glas Leitungswasser“, sagt sie noch.

Die Frauen sind wieder in ihre Geräte vertieft, als der Mann mit der Bestellung wiederkommt:  die warme Ovomaltine, die kalte, das Glas Wasser.

„Ist das Leitungswasser?“, fragt sie.

Der deutsche Kellner versteht die Frage nicht.

„Es gibt im Speisewagen kein Leitungswasser“, erklärt er schliesslich in einem Tonfall zwischen leisem Bedauern und leichtem Amusement.

„Das Mineralwasser bezahle ich nicht“, entgegnet die junge Schweizerin nun ungehalten.

Der Kellner nimmts gelassen und zieht sich zurück, die junge Frau kriegt sich fast nicht mehr ein und versichert zwischen dem Hacken auf ihr Handy und dem Nippen an ihrer Ovomaltine immer wieder ihrer Kollegin: „Ist doch wahr.“

Die übrigen Gäste im Speisewagen schwanken zwischen Gaudi, Fremdscham und stiller Entrüstung, ein Fahrgast bezahlt dem Kellner unauffällig das Mineralwasser.

Wochen später höre ich die Geschichte vom Leitungswasser im Speisewagen bereits als Anekdote – an einem Nebentisch im Speisewagen.

Diese Kurzgeschichten, hier in Deutsch, sind im Original in Adelbodendeutsch auf Facebook zu finden.

Advertisements

Leave a Reply

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .