Wichtig: keine Führer

Natürlich haben auch in der Schweiz die reichen Leute seit jeher das Sagen: die sogenannten Eliten, denen der Boden gehört und die Industrien. Aber zum einen brauchten diese Eliten in der Schweiz schon immer kleine Leute mit besonderem Können. Vor allem das Können, sichere Wege durch die Berge zu finden – die Schweiz ist am Alpenübergang des Gotthard, der Italien und Deutschland verbindet, vor über 700 Jahren letztlich auf diesem Können aufgebaut worden.

Weil die Eliten also die kleinen Leute brauchten, weil die Religion in der Gegend überdies sagte, alle Menschen seien vor Gott gleich, und weil nicht zuletzt die kleinen Täler und Städte der alten Eidgenossenschaft miteinander auskommen mussten, ergab sich zum anderen das Loblied auf das Republikanische und auf die Demokratie: Praktisch von der Gründung der Schweiz 1291 an betonten die Eliten immer wieder, in der Schweiz herrsche Demokratie, seien alle gleichberechtigt und stelle sich niemand über die anderen.

Dieses demokratische Bekenntnis galt allerdings nicht grundsätzlich: Wenn die kleinen Leute ihre Rechte einforderten vom Krieg der Bauern 1653 bis zum Streik der Arbeiter 1918, reagierten die Eliten hart und brutal und liessen bei Bedarf auch ausländische Soldaten auf die Schweizer Landsleute los.

Es kann allerdings nicht ohne Wirkung bleiben, wenn über Jahrhunderte immer wieder betont wird, die Schweiz sei eine Demokratie. Überdies erkannten die Eliten im Zug der wirtschaftlichen Entwicklung auch, wie wertvoll die kleinen Leute nicht nur als Führer durch die Berge sind.

Seit die Menschen mit der Reformation um 1520 etwas Schulbildung haben mussten, um die Bibel lesen zu können, erwies sich mehr und mehr die wirtschaftliche und gesellschaftliche Kraft der kleinen Leute: Gewerbefreiheit für die Handwerker in den aufstrebenden Städten des späten Mittelalters, Rechtssicherheit zwischen Städten und Tälern und Unternehmen, schliesslich ab dem 19. Jahrhundert allgemeine Schulpflicht und kostenlose Ausbildung bis zur Universität für die Jungen sowie Rede- und Versammlungsfreiheit für die Bürger – 1972 schafften es die Schweizer Männer in einer Volksabstimmung sogar, endlich auch den Frauen das Wahlrecht zu geben.

Diese peinlich späte Gleichberechtigung deutet darauf hin, wie rückständig auch die Schweiz gedanklich ist – und dass vorab männliche Eliten nach wie vor das Sagen haben. Aber in der kleinen Schweiz mit ihren kleinen, vielsprachigen Bevölkerungsgruppen diesseits und jenseits der Berge hat sich ein Prinzip durchgesetzt: Führer gibt es zwar in den Bergen und in den Unternehmen und im Sport. Aber politisch akzeptieren in der Schweiz weder die Eliten noch die kleinen Leute starke Führer – dass ein Milliardär und gelernter Bauer zurzeit als Führer auftritt, ist eine der historisch unvermeidlichen Ausnahmen von der Regel.

Zwar gibt es in der Schweiz wie überall eine starke Neigung zu Führern, und weil die Medien das Populäre lieben, verstärkt sich diese Neigung noch. Doch weil sich in der Geschichte immer wieder erwiesen hat, wie stark und klug demokratische Ordnungen sind und wie schwach und gefährlich Führer, herrscht in der Schweiz tatsächlich weitgehende Einigkeit über die Notwendigkeit und den Wert der Demokratie – wir stimmen auch alle paar Wochen ab.

Hinzu kommt seit einigen Jahrzehnten, dass die Eliten nicht auf ihre Privilegien verzichten müssen, damit es auch den kleinen Leuten gut geht: Weil die Wirtschaft leistungsfähig ist wie nie und Maschinen dabei die meiste Arbeit leisten, kommt so viel heraus, dass es für alle reicht. Aber davon mehr an anderer Stelle.

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