Beziehunger II

„Schau Mama, Fussballerbildchen“, sagt der kleine Junge im Zürcher Stadtbus während einem grossen Turnier.
„Das sind keine Fussballerbildchen, das ist der Fahrplan während des Turniers“, antwortet die Mutter.
Der kleine Junge versteht nicht: In einer Art Setzkasten, der hinter dem Busfahrer an der Wand hängt, sind eindeutig Fussballerbildchen zu sehen.

Folgerichtig greift sich der Junge eines der Bildchen und merkt, dass sich dahinter etwas verbirgt. Eine fremde Frau hilft ihm beim Auffalten des Planes und sagt zum Jungen: „Weisst Du, die tun nur so, wie wenn es Bildchen wären“.
Jetzt versteht der Junge und ist gestärkt.

„Die machen Werbung hier im Tram“, ergänzt die Mutter des Jungen. Der korrigiert sie umgehend: „Im Bus, nicht im Tram.“
Worauf die fremde Frau von vorhin sagt: „Ein Bus ist auch ein Tram“ – ein geflügeltes Wort aus der Werbung der Zürcher Verkehrsbetriebe.
Womit auch die Mutter gestärkt ist.

Ich frage die Frau beim Aussteigen: „Sind Sie pädagogisch geschult?“
„Ja“, antwortet sie, „warum?“.
Ich entgegne, sie habe in meinen Augen grossartig reagiert.

„Wissen Sie, es ist ganz einfach“, meint sie darauf, „man muss sich nur dafür interessieren“.
Ich widerspreche: „Auch Zyniker sind interessiert, ich glaube, man muss auch die Menschen mögen“.

Sie nickt, ich steige aus, sie meint noch: „Das macht das Leben lebenswert.“
Wir sind alle gestärkt.

So ist es.

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