Patriarsch

Der Junge schreibt:

Hey Alter,

und wie ist das mit deinem Menschenbild, Vater; dem Bild, das ihr alten Männer habt von Frauen, Kindern und euch selbst?

Deine Sonntagsreden mag ich so wenig hören wie die politisch korrekten Phrasen von Gleichberechtigung und Wertschätzung: Es sind verlogene Sprüche.

Zuerst zu uns Kindern: Seid ihr aufgestanden in der Nacht, habt ihr Schoppen gewärmt, Windeln gewechselt, Erbrochenes aufgewischt? War da Verantwortung jenseits vom Heimtragen eines Teils eures lumpigen Haufen Geldes, seid ihr nicht bei jeder Gelegenheit geflüchtet? Hey Alter: Da ist nichts ausser einfältigem Vaterstolz über brave Sonntagskinder und jämmerlicher Hilflosigkeit oder durchschlagende Wut über die hungsgewöhnlichen Alltagsgesichter zuhause, in der Schule, der Lehre.

Das Frauenbild? Ihr seid doch hormongetriebene Säcke, die Frauen zuerst als Objekte sehen: für Sex vor allem und fürs Image, solange die Haut straff ist, später fürs Kochen, den Haushalt und die Brut. Ich kenne eure Sprüche im Militär, in Garderoben, an Bars, und ich sehe sie gespiegelt auf dem Zeitungs- und TV-Boulevard, auf dem so sinnlich wie besinnungslos Weibchen herumstolzieren.

Und erst das Bild eurer selbst: aufgeblasen und wehleidig, stolz auf die Kohle und die Karre, die Untergebenen und die Geliebte, die jämmerlichen Siege über Rivalen bei der Arbeit, auf der Strasse, dem Sportplatz und anderen Arenen hirnlosee Kampfhähne – und auch das sehe ich gespiegelt in Massenmedien, auf einen Blick zusammengefasst und in 20 Minuten erledigt. Es kotzt mich an, Oma hatte recht: Ärsche und Geld regieren die Welt.

Dein Junge

Der Alte schreibt:

Hey Junge,

teils teile ich deine Wut über das Menschenbild von uns alten Säcken, teils widerspreche ich entschieden. Wir alle sind hormongetriebene Untiere, doch uns das vorzuwerfen, bringt nichts: Können wir etwas fürs Testosteron, das uns auf Tempo, Titten und Ärsche fixiert? Junge, das ist Biologie: Wir können nicht anders, weil die Natur will, dass wir uns besinnungslos fortpflanzen – es sei denn, im Mutterbauch geraten die Hormone durcheinander und statt Weibchen und Männchen kommen Mischformen heraus von Homosexuellen bis zu Hermaphroditen. Doch so wenig du Schwulen ihre naturgegebene Neigung vorhalten darfst, so wenig darfst du Machos schelten.

Wo ich dir Recht gebe, ist bei der Verlogenheit: Es braucht zu viel Disziplin und Mut, in testosterongefluteten Männerbünden wie Garderoben, Kasernen oder Bars zu widerstehen und Mensch statt Mann zu sein – Frauenversteher ist ja sozusagen ein Schimpfwort. Dies zumal Werbung und Medien rundum herrliche und dämliche (!) Reize kitzeln, weil Männlein und Weiblein sich ihnen besinnungslos ausliefern – die unwillkürliche körperliche Anziehung ist ja auch geheimnisvoll; gibt es Schöneres als menschliche Rührung, Berührung?

Wenn wir aber vorbildliche Menschen sein sollen, müssen wir das Tier in uns verdrängen, verstecken, verleugnen – was den austeilenden Männern offenbar leichter fällt als den empfangenden Frauen. Darüber hinaus von uns Männern zu verlangen, weibliche Seiten zu zeigen samt Häuslichkeit und Brutpflege, überfordert uns – das ist kaum 40 Jahre überhaupt ein Thema, ein Klacks in der Geschichte; mal schauen, ob ihr es besser macht, Junge.

Dein Alter

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