Hoffnungsschlimmer

Der Junge schreibt:

Hey Alter,

meinst du allen Ernstes, sie würden sich um uns scheren, wenn es darauf ankommt? Das ist doch eine verlogene Bande! Komm mir nicht mit Gesetzen, mit Menschenrechten, Genfer Konvention und all den Phrasen, die im Falle eines Falles das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen! Hat uns nicht zuletzt der Balkankrieg, hat nicht eben die CIA mit ihren illegalen Gefangenenlagern in aller Herren Ländern gezeigt, wie dünn die Decke der Zivilisation ist, wie wenig es braucht, dass Menschen übereinander herfallen und sich totschlagen? Natürlich machen die Menschen das nicht einfach so, natürlich sind sie grob getrieben von simplen Sadisten und fein geführt von denen, die das Sagen haben im Kleinen und im Grossen auf der Welt.

Es ist verdammt einfach, das Böse herauszuholen und anderen anzuhaften: religiöse, politische, familiäre Zugehörigkeit, Hautfarbe, Eigentum, Tradition. Und ich zweifle daran, Vater, dass die Schweiz grundsätzlich besser ist. Wie brauchen gar nicht von den Milliarden korrupter und krimineller Gelder zu reden, an denen Blut klebt, das wir sorgfältig abwaschen. Wir können auch anders: Wie war es, als die Schweizer Entwicklungshilfe in Ruanda ein Radio aufbaute, ohne die Worte zu verstehen, die über den Sender gingen – bis klar war, dass da mit Schweizer Hilfe ein Völkermord angezettelt, organisiert und durchgezogen wurde?!

Wohl wahr, Vater, noch toben die menschenverachtenden Stürme an den Peripherien; in der Schweiz ist es so ruhig wie im Auge des Orkans. Doch täuscht der Eindruck, dass die Stürme näherkommen? Was um Gottes Willen, Vater, sollen wir tun?

Der Alte schreibt:

Hey Junge,

du hast ja Recht, Junge: In Ruanda ein Radio aufzubauen und nicht zu merken, dass es bei einem Völkermord eine entscheidende Rolle spielt, war ein grausamer Höhepunkt der Entwicklungshilfe der Schweiz – und überhaupt.

Von McLuhan, dem olle Medienguru, wissen die Entwicklungshelfer offenbar nichts: Das heisse Medium Radio kann Menschen aufpeitschen, das haben zuerst die Nazis organisiert vorgemacht. Wenn man den Menschen wirklich helfen will, setzt man sie gescheiter vors kühle Fernsehen: Schaut fern, wenn alle Menschen Geschwister werden sollen. Aber lest, wenn ihr den Staat erhalten wollt.

Aber was nützt es, Junge, zu jammern über die Zustände und zu schimpfen über uns Alte? In die Verantwortung wächst ihr hinein, wie wir Alten hineingewachsen sind; auch wir waren einmal jung, ärgerten uns über die Alten und zitterten vor den Lasten, die sie uns überliessen.

Und zum einen haben wir es immerhin versucht: Es gibt die UNO und die Menschenrechte, es gibt das Völkerrecht und einen internationalen Gerichtshof, es gibt guten Willen und gute Menschen zuhauf. Zum anderen kenne ich weiss Gott keine Alternative zum demokratischen Rechtsstaat. Darf man ihn in Bausch und Bogen verwerfen, weil Machtpolitiker und Konzernstrategen ihn zurechtbiegen bis nur noch Karikaturen übrigbleiben von Berlusconi bis Putin?

Junge, du und deinesgleichen machen es sich zu einfach: Es kümmert euch einen Dreck, dass es Gewaltentrennung gibt, ihr wisst ja nicht einmal, was das ist! Oder habt ihr je darüber nachgedacht, wie wichtig es ist, dass die Gewalten getrennt sind und nicht dieselben Menschen Gesetze machen, sie beurteilen und durchsetzen? Eben!

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