Jungemütlich

Der Junge schreibt:

Hey Alter

du und deinesgleichen haben mich jahrelang in die Schule gezwungen, wo ich mindestens die halbe Zeit irgendwelches Zeugs anhören, mitmachen und lernen musste, das ich meinen Lebtag lang nie mehr brauche. Die andere Hälfte des Schulsto­ffes war teils nützlich, teils eigenartig: vom freundlichen Umgang miteinander, von gegenseitiger Rücksichtnahme, von Respekt, Toleranz, Demokratie und was der Fremdworte mehr sind für Friede, Freude, Eierkuchen.

Jetzt, wo ich gross bin und hinausgeworfen in die Welt, stelle ich staunend fest, dass nichts vorhanden ist von dem Lieben und Netten, das eure Schule uns vermittelt hat. Ganz im Gegenteil: Bei der Arbeit setzen sich jene durch, die am geschicktesten nach oben buckeln, nach unten treten und nach allen Seiten Augen und Ohren off en haben und die Ellbogen bereit. Und auf der Welt ist es keinen Deut besser: Es wimmelt von bösartigen Diktaturen, mafiosen Anarchien und zerfallenen Staatswesen.

Und selbst dort, wo man sich demokratischer Traditionen rühmt, regiert beim näheren Hinsehen ein Filz von schwerreichen Dynastien, die o­ en sind für kompatible Aufsteiger, aber jede wirkliche Mitbeteiligung zu verhindern wissen. Besonders aufgefallen sind mir die herrschenden Verhältnisse letzthin in der TV-Samstagabend-Kiste «Wetten dass ..?»: Oben auf dem Podest in den weichen Sofas die Schönen und Reichen, denen die Welt gehört; unten in der Manege nützliche Idioten, die unter gönnerhafter Anteilnahme der Oberen den Clown machen – und das Volk ga­fft und applaudiert begeistert, wenn die Regie es wünscht. Verarschen können wir uns selber!

Dein Junge

Der Alte schreibt:

Hey Junge,

bitter beklagst Du Dich darüber, dass die Schule Euch Junge kaum etwas gelehrt hat, das nützlich und wertvoll ist im Leben.

Soll ich Dir recht geben? Nein. Erst seit etwa 200 Jahren haben wir hierzulande überhaupt ein umfassendes Schulwesen. Es ermöglicht einerseits allen Heranwachsenden, ja zwingt sie sogar dazu, sich sogenannte Kulturtechniken wie Lesen oder Schreiben anzueignen.

Andererseits sind wir Alten alle dazu verpflichtet, das mit unseren Steuern zu bezahlen, sodass die Schule für die Jungen kostenlos ist.

Du magst das für eine Selbstverständlichkeit halten. Schau Dich um auf der Welt und in der Geschichte: Es ist nicht selbstverständlich, obwohl sich erweist, dass Gegenden mit derartigen Schulwesen relativ reich und stabil sind.

Nun hinkt die Schule mit ihrem Stoff aber teilweise hinter dem her, was angesagt ist: Die Schule kann die Zukunft nicht voraussehen, und neben Grundsätzlichem wie Lesen, Schreiben und Rechnen gibt es von Aids bis zum Internet immer wieder Themen, die mit Verzögerung die Schule erreichen. Die Schule ist hier ähnlich wie der Staat, der mit seinen Regelungen ebenfalls immer hinter der Entwicklung herhinkt.

Wegen dieser zwangsläufigen Verzögerung gleich die ganze Schule oder den Staat zu spülen, ist einfach Schwachsinn.

Und wenn Du der Schule vorwirfst, mein Junge, dass sie nicht auf die Härten der Arbeitswelt vorbereitet, sondern rücksichtsvollen Umgang predigt: Soll man die Kinder zu Ratten erziehen, weil die Welt in weiten Teilen ein Rattenrennen ist? Ich finde trotz allem besser, sie zu Menschen erziehen zu wollen, die menschlich miteinander umgehen.

Dein Alter

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