Patridiot

Der Junge schreibt:

Hey Alter,

willst du es nicht zugeben, Vater, oder siehst du es nicht? Dass wir verarscht werden von den Herrschaften in Konzernetagen und Regierungssitzen; dass seit der Aufklärung vor 200 Jahren den kleinen Angestellten und Gewerblern Sand in die Augen gestreut wird, und dass Möchtegerns und andere Handlanger das üble Spiel ahnungs- und hemmungslos mitspielen und anheizen!

Vater, das müsst ihr doch gemerkt haben! Oder wart ihr allzu geblendet und abgelenkt von dem bisschen Wohlstand, der für euch abfiel auf Kosten der Kolonien?

Natürlich kann man das weiter verdrängen, Alter. Aber wenn ich mir den ganzen Schlamassel ansehe, ist es höchste Zeit, hinzuschauen und es einzufordern: Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit, Mitbeteiligung, Menschenrechte, Menschlichkeit.

Nein, Vater, es geht nicht um Sprüche von Revolution, es sind Not-wendig-keiten: Wir können nicht so weiterfahren, wir müssen haushälterisch umgehen mit den Ressourcen und sie fair verteilen auf der Welt, die längst ein Dorf ist, was ja auch dem ollen McLuhan zuerst aufgefallen ist.

So schwer ist es nicht: Wenn die Herren es ernst meinten, würden sie aufhören, in politischen Dingen von Eigenverantwortung zu schwafeln und stattdessen Regeln schaffen. Und wenn es ihnen ernst wäre mit dem demokratischen Rechtsstaat, würden die Regeln nicht im Standortwettbewerb der Staaten aufgerieben, sondern weltweit durchgesetzt.

Es ist keine Utopie, Vater, wir sind nur ein paar Schritte entfernt: Die UNO des frühen 21. Jahrhunderts ist näher dran als die Eidgenossenschaft des frühen 19. Jahrhunderts. Aber die Herren der Welt müssen die Schritte machen.
Dein Junge

Der Alte schreibt:

Hey Junge

Wie Eure Sexualität funktioniert, das kapiere ich nicht. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als die sexuelle Orientierung persönliche Ansichtssache wurde und gleichgeschlechtliche Sexualität endlich nicht mehr verdammt war. Es gab die Pille, die vor allem jungen Frauen die Möglichkeit gab und die Verantwortung, Sexualität unabhängig von der Fortpflanzung auszuleben – und wenn es dann trotzdem ganz dumm lief, war Abtreibung naheliegend und möglich statt verboten und gefährlich. Schliesslich kam Aids, das dem wilden Hin und Her und kreuz und quer ein tödliches Ende bereitete und den Pariser zum Accessoire machte.

Wie ich meine, zog sich jedoch durch all diese Entwicklungen und Jahre ein roter Faden: der Traum und das Ziel von trauter Zweisamkeit. Wir versuchten zwar alles und stiessen die Grenzen so weit hinaus, dass es lebensgefährlich wurde. Aber mir will scheinen, dass die allermeisten sich nach der Zweierkiste sehnten: die dauerhafte, enge, monogame Partnerschaft; einander zugetan und beieinander aufgehoben sein; zusammen alt werden halt – auch wenn es den halben misslang.

Wenn ich nun Euch Junge sehe, scheint mir das vorbei: zwar mit allen ein bisschen, aber mit niemandem richtig; zwar voll krass sexualisierte Worte, Bilder und Gesten, auch Küsschen hier und Umarmungen da. Aber mit Ausnahme von ein paar exotischen Freaks wenig Taten, wenig Pärchenbildung, wenig Sex. Keine Lust? Kein Bock? Sehe ich es richtig, reduziert sich das bei Euch Jungen auf hdmfg per SMS? Obwohl die Biologie Euch Jungen doch ebenso treiben muss wie einst uns! Oder sehe ich es einfach nicht?

Dein Alter

Advertisements

Leave a Reply

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .