Alleingepfercht

Der Junge schreibt:

Hey Alter,

wie ihr Alten miteinander umgeht, ist doch einfach eine Katastrophe! Wie sollen wir Jungen beziehungs- oder gesellschaftsfähig werden bei solch unsäglichen Vorbildern? Euer verfluchtes Misstrauen, eure Missgunst, diese Verlogenheit und Heuchelei, dieses Gezeter von aufgeblasenen Egos, die jämmerlich zusammenschrumpfen, wenn Menschliches, Allzumenschliches gefragt ist.

Wenn es wenigstens echte Räume gäbe, in denen wir Jungen von euren kranken Seelen verschont wären.

Zuhause vielleicht? Welches Zuhause bitte? Das von Mami, das von Papi, das von früher oder das von jetzt mit all den Ex‘ und Möchtegerns und dauerprovisorischen  Lebensabschnittspartnerschaften, die ständig auf allen Seiten zu platzen drohen vor lauter Angst, Ansprüchen und Anmassungen.

Oder bei der Arbeit vielleicht? Wo wir Jungen nicht einmal bei Sonntagsreden wirklich ernstgenommen werden; wo ihr euch mit bleckenden Zähnen und schrillen Stimmen umschleicht und belauert wie Hyänen; wo ihr nach oben buckelt und nach unten tretet; wo ihr vorne feige schweigt und hinten fies austeilt!

Im Kollegenkreis? Wo die halbgaren Produkte all dieser kranken Klimas aufeinandertreffen; wo Sprüche, Pöbeleien oder Posen unsere Unsicherheit, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und Leere verwischen und wo von den Schuhen bis zu den Hüten und Handys verführerische Images ausgebuffter Markenstrategen mangelnde Persönlichkeit besetzen.

Flüchten wir uns also vor unsere kleinen und grossen Bildschirme, schauen zu und bespiegeln uns selber. Hier, wenigstens hier kann uns niemand und haben wir bis in die Fingerspitzen die Kontrolle.
Dein Junge

Der Alte schreibt:

Hey Junge
Was meinst du denn, wie uns Alten zumute ist, Junge? Denkst du, wir setzen uns gern dieser fiesen Arbeitswelt aus, diesen kaputten Beziehungskisten und dem Massenmedienwahn?

Wütend und traurig macht es mich, wenn du dich über unsere kranken Seelen beklagst und findest, da könne bei euch Jungen nichts Anständiges herauskommen.

Wie atmeten wir frei, als in den 1960ern allen klar wurde, wie nackt viele Kaiser sind: der autoritäre Alte zuhause, bei der Arbeit, in der Schule, der Kirche, dem Militär. Wie waren wir willig, als in den 1970ern die Grenzen des Wachstums auftauchten und wir begannen, Altpapier, Glas und Metall zu sammeln, Kompost aufzuhäufen und Jute statt Plastik herumzutragen. Und wie hoffnungsvoll war die Zukunft, als in den 1980ern die Mauern fielen und in den 1990ern die Fackeln der Freiheit überall aufzuleuchten schienen.

Haben wir uns selber verarscht, Junge, oder wurden wir verarscht?
Klar, diese Arbeitswelt macht krank: Aber was ist, wenn wir aufbegehren und uns wehren gegen schleimige Kollegen und brutale Chefs! Ja, wir haben die Wahl, aber sie hat ihren Preis.

Manche verabschiedeten sich in Kommunen und Selbstverwaltung: Wenn sie denn nicht verschwunden sind, vegetieren sie vor sich hin oder sind Sekten, die ihre Selbstversklavung verbrämen.

Wir gewöhnlichen Alten sind gewöhnlich versklavt, gefangen in Ratenrechnungen, aber leidlich bequem und sicher. Der Preis dafür sind Demütigungen und Kleinkriege, die wir nach Hause tragen. Überdies mit ansehen zu müssen, wie alle Hoffnungen platzen und die Welt, regiert von Monstern, vor die Hunde geht, ist auch uns Alten unerträglich.

Dein Alter

Advertisements

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .