Frau und Mutter

Zwischenruf von Mutter:

Hey Männer,

sie hören nicht zu, diese Männer, einmal mehr. Stattdessen dreschen sei aufeinander ein: typisch Mann! Soll ich mich darüber ärgern oder habe ich mich schon so daran gewöhnen müssen, dass es mir egal ist?

Nein, schreit es tief in mir: Jahrzehntelang begehrte ich nur in Extremfällen auf, ansonsten habe ich geschwiegen, mich in die Küche und den Haushalt verzogen, meine Arbeit gemacht, Nerventropfen geschluckt und mich eingesetzt im Frauenverein, der Kirchgemeinde oder sonstwo.

Es ist genug, Männer, ihr solltet schweigen: Sind es nicht ohnenhin nur Sprüche, die ich von euch gehört habe in all den Jahren und die ihr jetzt hinausposaunt – oder waren da auch Taten? Geld heimzubringen reicht nicht; mit der Familie in der Öffentlichkeit eine gute Figur abzugeben, ist beschämend, desgleichen draussen auf Gutmensch zu machen und für alle ein offenes Ohr und ein ermunterndes Wort zu haben.

Was ist mit meinem strahlenden Jungen geschehen? Hat er sich verändert, als er unsere Verlogenheit und Heuchelei erkannte? Ich bin traurig und hilflos, mein Junge, ich erreiche dich noch weniger als deinen Vater! Wollte ich nicht alles richtig machen, habe ich mich nicht aufgeopfert, bin ich nicht zurückgestanden, um euch Raum zu geben für eure Entfaltung? Und das Resultat: der Mann ein unverbesserlicher Schürzenjäger, der Junge ein aggressives Nervenbündel? Wollt ihr es mir verargen, dass ich mich vergrabe in meinen Büchern und Zuflucht suche bei meinem Gott, der mich tröstet in diesem Jammertal? Lache, wenns nicht zum Weinen reicht, singt Grönemeyer. Das Lachen mit euch war so schön, als es unbeschwert war, weinen mag ich nicht mehr.

Der Mann schreibt der Frau:

Hey Frau,

wir hören dich, ich höre dich, meine Begleiterin seit Jahrzehnten. Ich höre dir wohl auch zu: deine Klagen über mich, deinen Mann, und das Unverständnis für ihn, deinen Jungen, unseren Sohn. Ich wage aber kaum, zu antworten. Meine Schuld ist übergross, du hast sie  vor mir aufgeschichtet, was soll ich sagen? Dass ich dich betrogen habe, dass ich dich liebe? Lächerlich, widersprüchlich!

Ich musste still werden nach deinen traurigen Worten über hoffnungslos traurige und verweifelte Nachtstunden, wenn ich wohl wieder eine Frau rumgekriegt hatte und du alleine warst mit unseren Kindern.

Es gibt keine Rechtfertigung, gibt es Erklärungen? Wer weiss, was Frauen in mir auslösen, in uns Männern, die auf sie stehen? Eine Bewegung, ein Duft, eine Silhouette; ein Augenaufschlag, eine Geste, ein Duft; die Rundung einer Hüfte, die Wölbung einer Brust; Haare im Wind; Härchen auf einem Arm; Haut.

Stürme tosen jeweils in mir, meine Liebste, ob dieser unerhörten Sinnlichkeit – sie tosen auch und immer noch, wenn ich dich berühre, meine Frau. Lächerlich, widersprüchlich?

Ich will meine Schuld nicht kleinreden, ich will mich nicht rausreden, die Versuchung war gross und ich habe ihr nicht widerstanden. Ich bin nicht stolz auf meine Eroberungen wie mancher Möchtegern, zu viel Schmerz ist verbunden mit dieser Lust: Haut und Haar berühren, einen Büstenhalter öffnen, zwischen nackte Schenkel fahren – trockener Mund, heftiger Atem, die unheimliche, unbeschreibliche Kraft der Sexualität.

Das Kind schreibt den Eltern:

Hey Eltern,

ich hatte Vaters Menschenbild kritisiert, liebe Eltern, und durch deine Zeilen, liebe Mutter, hat das Gottesbild geschienen. Als ich ein Kind war und ihr uns diese Geschichten erzählt habt von Himmel und Hölle und Tod und Teufel, blieben vor allem Verwirrung und Angst haften: zu schlecht schienen mir meine Gedanken, zu gross meine Schuld, zu gering der Trost in diesem Glauben.

Es ist ein Kinderglaube, dem ihr Alten anhängt, er beleidigt den Verstand des Menschen und er beleidigt die Schöpfung in ihrer unbeschreiblichen Grösse und Vollkommenheit.

Ein Gott, der mit einer Frau körperlos einen Sohn zeugt? Ein Gott, der einem Kaufmann seine Worte einflüstern lässt? Ein Gott, der ein paar Menschen auserwählt hat? Meine Lieben, das ist doch einfach lächerlich, das können erwachsene Menschen, die Augen haben zu sehen und Ohren zu hören, doch nicht ernst nehmen – geschweige denn, sich deswegen in die Haare geraten und einander totschlagen für den rechten Kinderglauben – grosse Worte, ich weiss, aber ganz gewiss gelassen und voller Gottvertrauen ausgesprochen.

Umso einfältiger wird eurer Kinderglaube, als die modernen Naturwissenschaften desto mehr mit einer Allmacht rechnen, je tiefer sie in die Naturgesetze eindringen. „Gott würfelt nicht“, fand Einstein, hinter Raum und Zeit tun sich Löcher auf, die den Menschen so verschlossen bleiben wie Gottes Antlitz. Es braucht keinen Kinderglauben, ihr Kleingläubigen, originell und gewaltig sich das Allmächtige ohnehin: im Kleinsten und Grössten, ständig und überall, ganz ohne einfältige Geschichten in verstaubten Büchern, an denen zu viel Blut klebt.

 

Do

Hey Junge,

deine Zeilen zu unserem Gottesbild haben uns, deine Eltern, getroffen und berührt; wir haben uns zusammengesetzt und schreiben dir gemeinsam. Du hast natürlich recht, wenn du die Religionen mit ihren teils absurden, teils grotesken Geschichten als Kinderglauben abtust, und du hast Recht, wenn du von einem Gott sprichst, der grösser ist, als wir Kleingläubigen meinen und in unseren verstaubten Büchern zu finden glauben.

Aber, Junge, wie lange schon werden uns und unseren Vorfahren diese Geschichten von Respekt einflössenden Menschen erzählt: Eltern, Lehrer, Pfärrer! Und wie kurz ist die Zeit, in der wir erkennen, wie gross die Welt ist und das Universum, wie rund die Erde und wie gebogen der Raum: grenzenlos, aber nicht unendlich. Auch das scheint grotesk und absurd, ist aber wissenschaftlich erhärtet – wirklich grandiose Pointen der Schöpfung!

Aber sich zu lösen von den alten Geschichten, Junge, ist nicht einfach – und vielleicht auch nicht gut: Denn in den verstaubten Büchern unserer Religionen ist ja auch und vor allem die Rede von Gewissenhaftigkeit, von Gerechtigkeit und von Liebe. Und noch etwas bringen uns die Botschaften in diesen Büchern: Sie geben uns Hoffnung, Kind, und sie spenden uns Trost in unserer jämmerlichen Unzulänglichkeit, unserer tagtäglich angehäuften Schuld, unserer Einsamkeit in den letzten Dingen und unserer Hinausgeworfenheit in diese grosse, weite, unsäglich schöne und schreckliche Welt.

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