Wenigstens lesen sie

Der Junge schreibt:

Hey Alter,

du hast dich über den Schwachsinn beklagt, der tagtäglich in all diesen Blättern steht, die bündelweise auf Pendlerströme lauern und als Altpapier diese Ströme entlang liegen bleiben. Dass es Müll sei, zeige sich doch schon an diesem Altpapier, meintest du.

Vater, ich glaube, du liegst falsch: Es kann doch kein Zeichen von Schwachsinn sein, wenn Abertausende sich täglich über Zeilen beugen und lesen – ganz im Gegenteil. Früher, als du jung warst, lasen doch höchstens ein paar gestörte Bücherwürmer und abgehobene Intellektuelle; die meisten haben doch gedöst, geraucht, gestrickt und jedenfalls krampfhaft aneinander vorbei geschaut.

Mal abgesehen davon, dass sich der Rauch verzogen hat und man immer noch aneinander vorbei schaut: Dank all dieser Blätter lesen doch mehr Menschen denn je. Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, dies sei ein Zeichen von Schwachsinn! Ich höre schon deinen Einwand: Nicht das Lesen sei der Schwachsinn, sondern der Inhalt des Gelesenen, die knappen Meldungen und knackigen Geschichten.

Hey Alter, da muss ich dich aber gleich bei deinen Altvorderen packen: «Das Medium ist die Botscha­ft», meinte der olle Medienguru McLuhan, den du doch bei jeder Gelegenheit hervorholst. «Das Medium ist die Botschaft» heisst einerseits: Die Tatsache, dass gelesen wird, hat mindestens so viel Gewicht wie der Inhalt des Gelesenen. Andererseits bilden sich die Lesenden ihr eigenes Urteil darüber, was Schwachsinn ist: «Das Bild entsteht im Auge des Betrachters.» Insofern gebe ich dir recht: Auch ich finde hier viel Schwachsinn. Aber ganz gut gemacht.

Dein Junge

Der Alte schreibt:

Hey Junge,

du wehrst dich, mein Sohn, für den Wert dieser Zeitungen, die einem an jedem verdammten Werktag im Weg liegen, die einen anspringen mit ihren fetten Lettern und Fotos, die einem das Hirn zukleistern mit ihren Informationsfetzen. Du wehrst dich und sagst, der Wert dieses allabendlichen Altpapiers zeige sich bereits daran, dass allüberall gelesen werde. Hast du recht? Ich zweifl e noch!

Welchen Sinn hat es, die Technik des Lesens zu beherrschen, wenn der Inhalt des Gelesenen nichts zu tun hat mit der Wirklichkeit jener, die lesen? Komm mir jetzt nicht damit, das Weltgeschehen und seine Akteure, die durch alle Medien geschleift werden und die alle zu kennen glauben, hätten etwas mit uns zu tun! Oder macht es Sinn, wenn wir uns mit allen darüber unterhalten können, was in den Massenmedien läuft, aber keine Ahnung mehr davon haben, wer da in unserem Block durch die Haustür geht?

Das sind doch glitzernde oder grausame Scheinwelten, je nach Stimmung und Interesse: mundgerecht verkürzt und zugespitzt, schneller, greller, geiler. Weisst du, mein Junge, ich fi nde sie ja auch heiss, die Bilder und Geschichten.

Apropos: McLuhan, der olle Medienguru, den du gestern erwähnt hast, fand heisse und kalte Medien. Heiss sind Medien, die direkt auf den Bauch zielen: Radio, Foto, Internet. Kalt sind solche, die sich nicht von selbst verstehen, sondern Mitbeteiligung fordern: Telefon, Buch, E-Mail. Ich bleibe dabei, mein Junge: Diese Zeitungen, eigentlich kalte Medien, sind Schwachsinn, weil sie so stark vereinfachen müssen, bis sie heiss genug sind, um ohne weiteres gegrabscht, durchwühlt und weggeschmissen zu werden.

Dein Alter

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