Beziehunger

Der Junge schreibt:

Hey Alter,

was du über die Sexualität von uns Jungen absonderst, ist wirklich jenseits! Willst du uns verarschen? Da vögelt ihr in der Weltgeschichte herum, bis ihr buchstäblich verreckt; da wechselt ihr Ehepartner im Takt von Kleidermoden, während wir Jungen, eure Kinder, keine richtigen Eltern mehr haben, keine Familie und kein Zuhause, aber immer wieder neue Lebensabschnittspartner, neue Halbgeschwister und neue Lebensmittelpunkte.

Und dann kommt so ein alter Sack und hält uns Jungen vor, wir würden uns nicht auf Beziehungen einlassen, nicht auf Zweierkisten, nicht einmal auf Sex. Verarschen können wir uns selber! Fick dich ins Knie, du alter Wixer, rutscht mir da doch gleich raus.

Wollt ihr Alten wirklich, dass wir Jungen das tun, womit ihr brutal auf unsere Kosten gescheitert seid? Das kann doch nicht euer Ernst sein!
Was ihr uns in all diesen Jahrzehnten an Stabilem geboten habt, war doch höchstens eure Unzuverlässigkeit, euer Egoismus und eure wechselnden Worthülsen von hyperaktiv über verhaltensoriginell bis zu grenzwertig.
Nirgends Sicherheit, Geborgenheit und Klarheit; dafür rundum zugedröhnt mit Sex, Drugs, Rock ’n Roll und Gelaber.

Und dann uns Jungen noch Vorwürfe machen, wenn wir mit unserem bisschen Beziehungsenergie haushälterisch umgehen, es achtsam verteilen und nicht ständig rummachen und reinstechen.
Das machen wirklich nur noch ein paar exotische Freaks, wie du geschrieben hast. Damals, als ihr jung wart, mögen solche Freaks megacool gewesen sein; wir leiden noch immer darunter, und ihr könnt Gott und uns danken, wenn eure Enkel darunter nicht mehr leiden müssen.

Dein Junge

 

Zwischenruf von Mutter:

Jetzt ist genung

Hey Männer,

jetzt ist genug, jetzt schreibe ich, die Mutter dieses Jungen und die Frau dieses Alten, die seit Wochen die Spalte da verstopfen. Seit Jahrzehnten quäle und freue ich mich mit diesen Männern: Wie hat mich der Kleine angestrahlt früher, wenn ihm etwas gelang, wenn er mir eine Freude machen konnte oder ich ihm! Wie hat er sich in meine Arme geflüchtet, wenn er sich fürchtete! Wie haben wir uns geliebt, wie lieben wir uns noch: sprachlos heute, ich verstehe ihn und kann ihm doch nicht folgen in seiner Wut und Traurigkeit über die Welt, dieses Jammertal.

Und mein Alter: Wie habe ich ihn geliebt, vergöttert schon damals in der Schule, als er mir sagte, ich sei sein Schatz und er mein Freund. Er werde mir nicht treu sein, warnte mich meine Mutter später, als wir grösser waren und immer noch zusammen. Schlug ich es in den Wind, liebte ich ihn, der mich auch so anstrahlen und so wahnsinnig lieben konnte, zu sehr? Wie sehr liebe ich ihn noch, wenn er mich berührt, meine schlaffe, schrumpelnde Haut streichelt!

Er ist mir nie treu gewesen, er hat mich wohl tausendmal betrogen und angelogen und beschwichtigt. Wie oft sass ich mitten in der Nacht weinend in der Küche, wusste und ahnte, dass er bei einer anderen Frau war? Wie oft wollte ich ihn verlassen?

Ich konnte nicht: war längst weg aus meinem Beruf, hatte eine Handvoll Kinder, wohin hätte ich gehen sollen? Ich tröste mich damit, dass er immer wieder zu mir zurückgekommen, immer noch bei mir ist, mich immer noch begleitet und liebt, irgendwie. Und ich glaube, ich hoffe und liebe.

Eure Frau und Mutter

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