Berner Oberländer Krimireihe

Vor Jahren schauten wir am TV einen deutschen Krimi: der Bulle von Tölz.
„Das können wir auch“, sagte ich zu Ruth, das Berner Oberland biete jedenfalls mehr als Tölz.
„Dann mach mal“, meinte Ruth, meine Frau und Geliebte.
Der Herbst- und der Frühlingsband einer vorderhand auf vier Bücher angelegten Krimireihe sind fertig, waren hier eine Zeitlang aufgeschaltet und stehen jetzt als elektronische Bücher bereit – das Klicken auf den Titel öffnet den entsprechenden Link.
Ich freue mich über Interesse und Echos, und ich bin dankbar, wenn Ihr es weitersagt.

Was im Sommerband stehen wird, weiss ich schon recht genau, und der Winterband ist in Arbeit – als Appetithäppchen hier das provisorische Cover:

Über Medien: zur Sprache

Wenn wir etwas nicht mehr aushalten, finden wir dafür einen Ausdruck. Das behauptete vor gut zwei Generationen Herbert Marshall McLuhan. Er war Kanadier, war also nicht zuhause in der deutschen Sprache, die am «Ausdruck» eindeutig den Druck und sein Herauslassen aufzeigt.

Indes hat das angloamerikanische Pendant «expression» mit seinem lateinischen Hintergrund dieselbe Prägung wie der deutsche Ausdruck. «Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück», fand in diesen Zusammenhängen Karl Kraus, der als Schriftsteller in Wien eine gute Generation vor McLuhan wirkte – die beiden dürften nichts voneinander gewusst haben.

Solche Blätter entfalten im Todeskampf nochmals ihre ganze verführerische Kraft. Es nützt aber nichts und niemandem mehr und berührt die Menschen zunehmend peinlich.

McLuhan begründete seine Behauptung, wonach jegliche menschliche Ausdrucksform ein Resultat von unerträglichem innerem Druck sei, nicht mit einer Annäherung an den Begriff, um eine weitere sprechende Bezeichnung heranzuziehen. McLuhan argumentierte kulturhistorisch und literarisch, ähnlich übrigens wie Jean Gebser, ein in Bern wirkender Zeitgenosse von McLuhan – auch die beiden dürften nichts voneinander gewusst haben.

Als kulturhistorischer Befund hier etwa steinzeitliche archäologische Überbleibsel von mundlosen menschlichen Figuren, die plötzlich abgelöst werden von Gesichtern mit Mündern; oder die alte Geschichte vom sagenhaften König Kadmos, der Drachenzähne sät und Krieger erntet, aber Macht und Kontrolle auch mit dem Alphabet ausübt, das er in Griechenland sät. Oder Malereien, die bis ins Mittelalter nie Perspektive erkennen lassen und plötzlich den Raum erschliessen.

Und dort als literarischer Befund etwa der einsame Friedrich Nietzsche, der ätzte: «Dass jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken». Oder die Anmerkungen des Westafrikanischen Adligen Modupe. Im frühen 20. Jahrhundert fand er aus seiner schriftlosen Kultur staunend zu einer klassisch-humanistischen Ausbildung, und meinte angesichts von Büchern, die Zeichen auf den Seiten seien eingefangene Wörter. «Ein jeder konnte die Symbole entziffern lernen und die eingefangenen Wörter im Sprechen wieder freilassen.»

Der Belebungsversuch befremdet doch eher.

Womit wir einigermassen festen Grund erreichen: Worte sind klar ein- und abgegrenzt, und sie müssen linear aufeinanderfolgen, um sich den Lesenden zu erschliessen (nicht mehr auf Papier allerdings, was von entscheidender Bedeutung ist – siehe weiter unten). Doch selbst wenn sich Worte in linearer Folge und Form erschliessen, bleibt ein grenzenloser Deutungsraum: Wie zuerst Plato umfassend erläuterte, entsteht das Bild im Auge der Betrachtenden, ist die Idee platonisch und eine bruchstückhafte Vorstellung der Realität.

Daraus wird ohne weiteres der Mythos, gemäss altgriechischem Wörterbuch «Laut, Wort, Rede, Erzählung, sagenhafte Geschichte, Mär.» Um es also auf die Reihe zu bringen und in einen Gedanken zu fassen: Jeder Ausdruck hat auf den ersten Blick zwei Seiten – jene, die ihm von der ausdrückenden Person vermeintlich mitgegeben wird, und jene, die ihm von der aufnehmenden Person gegeben wird.

Auf den zweiten Blick kommen die Deutungsräume ins Spiel, vermeintlich halt: Wie klar drückt sich die Person aus, wie gut wird sie gehört? Und was meinen Dritte? Das ist weit weniger banal, als es erscheinen mag: Es ist seit Menschengedenken ein Kampfplatz um Deutungshoheit, der sich just in den jetzigen Generationen zugleich zuspitzt (vgl. obiges Titelblatt der Schweizer Illustrierten) und grundlegend verwandelt.

Die weltweite Vernetzung, die es allen ermöglicht, alle Botschaften an alle zu senden und von allen zu empfangen, erschwert nämlich Deutungshoheit ebenso wie der Zuwachs nichtalphabetischer, ideografischer Systeme namentlich im Chinesischen und in Emojis.

Zu guter Letzt: Das Wort ist ein Ort; wer erzählt, zählt – und wer versteht, steht. Aber wie gesagt – immer nur ungefähr.

Über Medien: zum Kommunikator

Menschenmasse
Wenn alles schweigt und einer spricht: Die klassische Einwegkommunikation ist technisch radikal überholt – und fast niemand nimmt es wirklich wahr.

Platon sei «bei all seinem Streben nach der idealen Schule nicht aufgefallen, dass Athen als Schule bedeutender war als die Universität seiner Träume», schrieb Herbert Marshall McLuhan 1964 in «Understanding Media», einem nach wie vor weitgehend unverstandenen Standardwerk zu Medien.

Der Philosoph hat laut McLuhan nicht erkannt, dass das Medium die Botschaft ist – also die ganze «Athener Schule» als Medium sozusagen schon jene Wirkung hatte, nach der Plato strebte. «Die grösste Schule lag für den Menschen schon fertig zur Verwendung vor, bevor sie noch erdacht war», erläutert McLuhan, und das gelte für alle Medien: «Sie sind schon lange ausgeführt, bevor sie ausgedacht sind.»

Vor lauter Bäumen den Wald übersehen

Rückblickend mag einleuchten, dass Platon die historische Bedeutung der «Athener Schule» kaum ermessen konnte: weil er gefangen war in kleinlichen Gedanken, im Wettbewerb mit seinen Zeitgenossen Aristoteles oder Dionysios, in politischem Streit um den Tyrannen Archytasin, in familiären und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um seine eigene Ehe- und Kinderlosigkeit vielleicht? Umgekehrt bleibt ähnlich schwer zu begreifen, dass auch wir hier und jetzt nicht genügend Flughöhe haben können, um genug zu erkennen: «Die Wirklichkeit ist das, was wir nie komplett verstehen werden», brachte es zuletzt etwa David Graeber auf den Punkt.

Die gängigen Vorstellungen der Medien, wie sie im deutschsprachigen Raum etwa Friedemann Schulz von Thun prominent darstellt, sind insofern kindlich im besten Sinn: hier Kommunikatoren oder Sender, die mittels Medien Botschaften dort an Rezipienten oder Empfänger geben – wobei jeweils verschiedene Ebenen wirkten. Das ist grundlegende Einfalt: Ich als Kommunikator schreibe etwas, das ihr als Rezipienten lest – aber vielleicht nicht verstehen könnt oder nicht wollt oder falsch versteht in meinem Sinn oder was der Wirklichkeits- und Wahrnehmungsebenen mehr sind.

Womit wir uns dem Kern des Pudels nähern – und in dem von Goethe erdachten Pudel steckt sinnigerweise vordergründig ein so eifriger wie einfältiger Scholare und hintergründig das Tückische von Mephisto. Mithin ist im «Faust» jene Flughöhe oder Gedankentiefe, welche über die kindliche Einfalt hinaus zum Abstrakten und Intellektuelle führt, das wir hier doch gerne voraussetzen.

Massenkommunikation für jeden einzeln

Eine Erkenntnis daraus ist mit Blick auf die Medienlandschaft die grundsätzliche Veränderung des Kommunikators: Standen bisher Medien weitgehend für Massenmedien und Kommunikatoren dafür, dass alles schweigt und einer spricht, hat sich das verändert – und fast niemand nimmt es wahr.

Die Einweg- und Massenkommunikation ist technisch überholt, inzwischen können alle mit allen kommunizieren. Das war noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar. Freilich schrieb McLuhan 1964, PCs oder Smartphones lagen noch eine Generation und mehr in der Zukunft: «Im gegenwärtigen Zeitalter der Elektrizität erleben wir, wie wir immer mehr in die Form der Information verwandelt werden und einer technischen Erweiterung des Bewusstseins entgegengehen.»

Mit den neuen Medien werde es «möglich, alles zu speichern und zu übertragen», führte McLuhan 1964 die Zukunft, die unsere Gegenwart ist, weiter aus. Allerdings ist laut McLuhan die Digitalisierung im Gegensatz zu früheren Techniken «total und allumfassend» – mit Folgen: «Ein allgemeines Gewähren oder Gewissen ist jetzt so notwendig wie ein persönliches Bewusstsein.»

Hier kann die Botschaft McLuhan ideologisch verstanden werden, sie dürfte aber technisch sein: weniger ein moralischer Aufruf an die Kommunikatoren und Rezipienten, im Individuellen und im Kollektiven bewusst und gewissenhaft zu werden, als eine technische Folgerichtigkeit. McLuhan geht in diesen Zusammenhängen so weit, bis er vage wird. Hinsichtlich der Zahlen, die er als Medium mit dem Tastsinn verbindet, mutmasst er: «Vielleicht ist Tastempfindung nicht blosser Kontakt der Haut mit den Dingen, sondern das Leben der Dinge im Geistigen selbst.»

Bewusstmachen oder bewusst machen

In den einfältigeren Zusammenhängen, die Gegenstand dieser Zeilen sind, mag es reichen, sich die simplen Funktionen von Kommunikator und Rezipient, Botschaft und Medium bewusstzumachen, sie mithin bewusst zu machen. Aber weiterführend sind nur die weitergehenden Wirkungen, die in den Funktionen stecken wie der Scholar und Mephisto in Fausts Pudel.

Die simple Sichtweise, wonach ein Kommunikator als aktiver Teil eine Botschaft mittels eines Mediums zum Rezipienten transportiere, greift zu kurz: Spätestens seit die Physik nachgewiesen hat, dass Licht zugleich Körper und Impuls ist oder dass Teile unter Beobachtung ihr Verhalten ändern, ist die Auseinandersetzung mit umfassenderen Wirkungen von Kommunikation zwingend. Sachgerechte Anwendung sowie Anregungen namentlich von Sigmund Freud zur Massenpsychologie oder von George Orwell zur Massenkommunikation helfen zwar beim Kommunikator und beim Rezipient, mithin auf beiden Seiten von Botschaften und Medien, das willkürliche Geschehen zu erfassen.

Da der Mensch selbst ein Medium ist, das moralische Botschaften trägt, ist eine moralische Ausrichtung dabei unvermeidlich, wie insbesondere Friedrich Nietzsche dargelegt hat. Vorab dank der Menschen Medienwerke ist die Welt aber derweil zum Dorf geworden, wie McLuhan feststellte. Folglich ist die persönliche Betroffenheit als Kommunikator, als Rezipient und als Träger von Botschaften weltumspannend, und deshalb gehört die ganze Welt ins Blickfeld.

Das aber ist eine ähnliche Überforderung wie etwa die Wahrnehmung des Unter- und Unbewussten. Doch wenn wir diese Überforderung erkennen und anerkennen, sind wir nicht mehr von jener kindlichen Einfalt, die Bauklötze ebenso lustvoll und bewusstlos zerstört wie Zivilisationen – ja die ganze Welt. McLuhan war zuversichtlich, er zeichnete 1964 ein «Bild des Goldenen Zeitalters als einer Welt der vollständigen Metamorphose oder Übertragung der Natur in menschliche Kunst», die sich den Menschen eröffnen werde.

Schön wär’s.