How to become Swiss

Vorstellungen und Tickets

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Hoffnungsschlimmer I

Im Supermarkt sind die wiederaufladbaren Batterien schon wieder aus dem Sortiment verschwunden, samt den dazugehörigen Ladegeräten.

Ich beklage mich bei einem Verkäufer, ob ich jetzt allen Ernstes zum dritten Mal innert kurzer Frist ein neues Ladegerät kaufen müsse.

Der Verkäufer beruhigt mich freundlich, gibt mir anstandslos ein neues Ladegerät und meint eher beiläufig: „Das haben wir den verdammten Grünen zu verdanken, die sollte man einzeln an den Bäumen aufknüpfen und dann mit dem Flammenwerfer drüber.“

Fernseher durchschauen

Fernseher durchschauen – schüchterner Riese, nicht unkritisierbares Trivialmonster

Im nachfolgenden Artikel ist die Funktion von Medien zentral – also auch die Sprache. Weil der Artikel aber in Deutsch geschrieben ist, bleiben Anspielungen, die mit bestimmten deutschen Begriffen zu tun haben, in anderen Sprachen leider unverständlich. Das beginnt schon beim Titel: „Fernseher durchschauen“. Zum einen ist „Fernseher“ aktiv und passiv, bezieht sich also auf das TV-Gerät und den TV-Zuschauer. Zum anderen ist auch das Verb „durchschauen“ mehrdeutig. Es bedeutet, durch etwas hindurch zu schauen, aber auch, etwas zu erkennen, herauszufinden – und zwar etwas von hinterhältiger Art: „Lügner, ich habe dich durchschaut“, zum Beispiel. Der nachfolgende Text ist voller solcher Mehrdeutigkeiten, denn es geht ja um Medien – wie die Sprache und die Schrift. 

Prolog

«Im ABC der Relativität erklärt Bertrand Russell eingangs, dass die Gedanken Einsteins nicht schwierig sind, dass sie aber eine völlig neue Ordnung unserer Vorstellungswelt verlangen. Genau zu dieser Neuordnung der Vorstellung kommt es mit dem Fernsehbild.»
Herbert Marshall McLuhan, „understanding media“

Wenn wir das Fernsehen begreifen wollen, werden wir scheitern, weil es im Fernsehen wirklich nichts zum Begreifen gibt. Wollten wir es verstehen, wird das ebenfalls misslingen, weil das Fernsehbild pro Sekunde Millionen Punkte verändert, im TV also wirklich nichts steht und zu verstehen ist.

Mithin gibt es da auch nichts zu erklären (wer sich beim Lesen nun gedanklich  verabschiedet, ist wohl gerade denkfaul und mag schlafwandeln oder vom Schlaf des Gerechten tagträumen).

Durchschauen allerdings, das liegt im Wesen des Massenmediums und des Verbes, durchschauen lässt sich das Fernsehen wohl. Indes ist dieses Verb „durchschauen“ moralisch besetzt: Was zu durchschauen ist, erscheint verdächtig. Und auch wenn es beim Adjektiv „verdächtig“ nur ums Denken geht, zeigt dessen moralische Belegung, die sich in der Tat mit der Drucktechnik einbürgerte, welch unerkanntes Gewicht den Worten und anderen Medien innewohnt – sichtbar gemacht auch und gerade vom unglaublich einladenden und nüchternen Fernsehen.

Insofern erscheint es nicht nur formal seltsam, dem Fernsehen mit Buchstaben beizukommen, sondern auch inhaltlich: schwierig, das Fernsehen durchschauen zu wollen, ohne dieses Medium vorsätzlich in einem schiefen Licht erscheinen zu lassen, um sprachlich nahe beim Thema zu bleiben.

Es ist ein unauffälliges, aber deutliches Zeichen von Unwissen oder Bewusstlosigkeit (ich schwanke zwischen Nomen), wenn Medien moralisch belegt, in Kategorien von gut und schlecht geteilt werden: Medien sind zwar. Wesen jedoch, denen über ein Gewissen Moral gestülpt werden könnte, sind Medien nie – und nimmer.

Was wiederum keinesfalls heisst, dass es auf die Inhalte ankäme: Das Medium ist die Botschaft. Im Fernsehen ist, wie in jedem Medium vom Hammer übers Auto bis zum eMail, eine ganz eigen- und einzigartige Kraft. Und zwar unabhängig vom Inhalt, der vom Nagel vor dem Hammer über den Passagier im Auto bis zum 😉 transportiert wird.

Etwa Novalis, Beaudelaire oder Joyce, aber insbesondere auch Herbert Marshall McLuhan oder Jean Gebser, zwei zurzeit wenig beachtete Väter der Medienwissenschaft, haben darüber nachgedacht und es hier weitschweifend, dort dicht auf die Reihe der Buchstaben gebracht: Im vorliegenden Text ist allenfalls Anregung; teils oberflächlich plakativ, teils punktuell tiefgreifend – auch die neue deutsche Rechtschreibung und ihre vielfältige Wertigkeit erscheint übrigens mit als Folge der Botschaft gerade des Fernsehens, das eben so (!) wirklich wie unbewusst durchschauen und erkennen lässt, wann und wenn tief sinnige Konjunktionen, Adjektive, Verben auseinander genommen werden…

Nun muss Raum sein für gedankliche Erholung (oder Wiederholung des Gelesenen); wir können der Wucht unserer Medien nicht auf Anhieb gewachsen sein!

«Jeder erlebt viel mehr, als er versteht. Doch gerade das Erleben beeinflusst weit mehr als das Verstehen unser Verhalten, besonders im kollektiven Bereich der Medien und der Technik, da der einzelne sich der Auswirkungen, die sie auf ihn haben, fast nie bewusst wird. Manche Leute finden es paradox, dass ein kühles Medium wie das Fernsehen viel gedrängter und komplexer sein soll als ein heisses Medium, wie es der Film ist.»
Herbert Marshall McLuhan, „understanding media“

Wenn wir einem Medium, einem Massenmedium vielleicht gar, gewachsen sein wollten, müssten wir es überblicken. Hinsichtlich Fernsehen den Überblick zu haben, ist einem Einzelnen jedoch ganz offensichtlich unmöglich, und das nicht nur, weil zu Sätzen aufgereihte Worte zwar sinniger- und erstaunlicherweise er-zählen und mit-teilen, aber nicht wirklich ins Bild setzen können – so wie das rasend Bilder kon- und dekonstruierende Fernsehen im Gegensatz zur Foto, zum Gemälde und zur sogenannten Wirklichkeit nur vorgibt, ein Bild abzugeben. Bleiben gedankliche Werkzeuge, Möglichkeiten der Untersuchung, Analysen.

Weil sich da zahllose Ansätze bieten, sind einerseits umfassende Ansprüche, andererseits schlagende Argumente nicht zu erwarten. Das wiederum hat zur Folge, dass die Wissenschaft oder die Mode allfällige Methoden mit Fug und Recht verurteilen kann.

Sei’s drum: Wenn die hier freigelegten Gedankengänge auch nur teilweise und auch nur bei Einzelnen ankommen, ist mein Anspruch erfüllt.

Zuvorderst bemüht sei die Grammatik des Fernsehen vom Oberflächlichen her: Sender oder „Kommunikator“ – Medium – Empfänger oder „RezipientInnen“. Tiefer: Ein Kommunikator, zahllose Rezipienten. Was den Schluss nahelegt, dass sich aus der Kontrolle über die Kommunikatoren eine Kontrolle über die Rezipienten ergebe.

Das greift eingedenk der psychologischen Fertigkeiten der Kommunikatoren zwar nicht ganz daneben, aber viel zu kurz: Das Medium ist die Botschaft, also bildet zum einen das Fernsehen als solches die Hauptquelle seiner Wirkungen, und zum anderen bleibt das Urteil der Rezipienten weitgehend unbelastet vom Urteil der Kommunikatoren.

Noch tiefer: «Man wird klugerweise beim Studium dieser Fragen über die Medien sich aller Werturteile enthalten, da ihre Wirkungen nicht isoliert betrachtet werden können», schrieb McLuhan im Klassiker „Understanding Media“, der vielleicht bezeichnenderweise in Deutsch nur noch antiquarisch erhältlich ist.

Weiter im Text: Wie das Radio, wie Musik, Fotos oder Gemälde, wie Körpersprachen, Farben oder Düfte hat das Fernsehen eine unheimlich einnehmende Kraft, fährt unerhört ein, macht einen ebenso unbestimmten wie starken Eindruck, verschmelzt Objekt und Subjekt, um im Grammatikalischen zu bleiben.

«Die Wirkung des Fernsehens, als der jüngsten und sensationellsten Ausweitung unseres Zentralnervensystems, ist aus verschiedenen Gründen schwer erfahrbar. Da es unser Leben in seiner sozialen und politischen Gesamtheit berührt, wäre es unklug zu versuchen, eine „systematische“ oder visuelle Darstellung eines derartigen Einflusses zu geben.»
Herbert Marshall McLuhan, „understanding media“

Kleine Kinder, ja sogar Tiere, deren Augen das Fernsehbild sehen, können ohne weiteres fernsehen. Das Lesen hingegen und das Schreiben erfordert nicht nur menschliche Fähigkeit, sondern auch ein mühseliges Umwandeln dieser Fähigkeiten in Fertigkeiten.

Gewissermassen übers Kreuz allerdings ähnelt die Schrift, das Internet oder das Musizieren dem Fernsehen: Verlangt wird hier, im Gegensatz etwa zum Radio, zum Bild oder zum Ton, ein grosses Mass an Anteilnahme, Beteiligung, gedanklicher Auseinandersetzung: Der fortgesetzte Blick in den Fernseher – einen anderen kann es wirklich nicht geben – erfordert ein ständiges Ergänzen seitens der Zuschauer vom unbewussten Montieren der flimmernden Punkte über das Abrunden des eckigen Fernsehbildes bis zum Einordnen der Inhalte ins eigene Leben und ins Leben der anderen.

McLuhan schreibt hier zum einen von einem „kalten Medium“, das mit seinem hohen intellektuellen Anspruch die Zuschauenden nicht zu unbewusstem Tun anregt, nicht aufheizt, nicht aufhetzt wie das Radio vom Deutschen Reich über Ex-Jugoslawien bis Ruanda, wobei mir dieser waghalsige Schlenker verziehen sei im kalten Medium der Druckschrift.

Als „schüchternen Riesen“ bezeichnet McLuhan das Fernsehen zum anderen und insofern – die Wirklichkeit ist eben wirklich weder logisch noch linear. Ich zitiere weiter:

«Die westliche Lebensweise, wie sie schon seit Jahrhunderten durch strenge Trennung und Spezialisierung zustande kam, wobei das Sehen die wichtigste Rolle übernahm, kann den Radio- und Fernsehwellen nicht standhalten, welche die ganze Augenwelt des abstrakten individualistischen Menschen überfluten.»

«Die meisten technischen Formen bewirken eine Verstärkung, die in ihrer Trennung der Sinne deutlich wird. Das Radio ist eine Erweiterung des Gehörs, die sehr naturgetreue Fotografie erweitert den Gesichtssinn. Aber das Fernsehen ist vor allem eine Erweiterung des Tastsinns, der ein optimales Wechselspiel der Sinne mit sich bringt. Für den westlichen Menschen jedoch erfolgte die allumfassende Erweiterung durch die phonetische Schrift, die eine Technik der Erweiterung des Gesichtssinns darstellt. Alle nichtphonetischen Schriftformen sind demgegenüber künstlerische Aussage, die noch viel von der Mannigfaltigkeit des Zusammenspiels der Sinne an sich hat. Die phonetische Schrift allein besitzt die Macht, die Sinne zu spalten und aufzuteilen und die semantische Vielschichtigkeit abzustossen. Das Fernsehen kehrt diesen analytischen Aufspaltungsprozess des Alphabetentums um.»

«Das Fernsehbild ist also noch weitgehender als das Bildsymbol eine Ausweitung des Tastsinns. Wenn es auf eine alphabetische Gesellschaft wirkt, verdichtet es zwangsläufig das Zusammenspiel der Sinne, indem es partielle und spezialisierte Erweiterungen in eine nahtlos verflochtene Erlebnisform verwandelt. Eine solche Umwandlung ist natürlich für eine alphabetische, spezialisierte Gesellschaft eine „Katastrophe“. Durch sie werden viele liebe, alte Einstellungen und Methoden verwischt. Auch die Wirksamkeit unserer grundlegenden Lehrmethoden und die Gültigkeit der Lehrpläne wird fraglich. Schon aus diesem Grund allein wäre es gut, wenn wir die Dynamik dieser Formen verstünden, wie sie in unser Leben und in das anderer Formen eindringen. Fernsehen macht eher kurzsichtig.»
Herbert Marshall McLuhan, „understanding media“

Mit zwei kurzen Imperativen: Lest, wenn Ihr den Staat erhalten wollt! Schaut Fernsehen, damit alle Menschen Geschwister werden!

Epilog

«Wir glauben, die Wesensmerkmale einer neuen Epoche, dieser neuen Wirklichkeit in fast allen Ausdrucksformen unserer Zeit zu erkennen, nicht nur in den schöpferischen Werken der modernen Kunst, sondern auch in den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften sowie in denen der Geisteswissenschaften.»
Jean Gebser, „Ursprung und Gegenwart“

PS
Gelegentlich werde ich versuchen, weitere Medien zu verorten.

Schweizerreise

Wieder fuhr ich Zürich Spiez
und schon wieder, spür‘ ich, zieht’s
schlimmer noch in Langnau
da wird’s mir im Gang lau

Aber erst in Schangnau
wenn ich in den Gang schau
fällt mir ein, wie Sachen litten
als wir fuhren: Lachen – Sitten

Dass wir uns im Lesen wiegen
Jetzt, da wir Weesen liegen
wird an unsrem Wesen liegen

Wenn wir aber lesen: Wassen
werden wir gleich Weesen lassen
und uns widmen Wassens Härten
eingedenk des Hassenswerten
tut doch jeder Hirt in Wassen
seine Zimmerwirtin hassen

Wird es indes in Blatten glatt
liegt das an einem glatten Blatt
das Blattner gern beim Jassen wagen
bevor sie wild in Wassen jagen

Wenn wir daselbst die Mäteressen
mit selbigen in Messen messen
die selbst noch während Messen essen
dann wird man noch in Lachen lachen
und sich gewiss in Lausen lausen

Wobei zumeist in Sachen Lausen
wir lieber gleich nach Lachen sausen
Doch sollten wir in Lausen hocken
dann kann uns nur noch Hausen locken

Derweil „Tor“ laut durch Basel gellt
wonach kein Hund in Gasel bellt

Da loben wir uns glatt doch Glatt
das aber liegt an Walenstadt
wo Strombarone stahlen Watt
worauf es prompt an Wärme fehlte
weshalb ich lieber Fermel wählte

Wobei es war in Hilterfingen
wo diese neuen Filter hingen
Doch richtig kräftig hob er Ofen
erst wieder vorn in Oberhofen

Und ja, im viel zu lärmigen
und überloffnen Merligen
da wollten wir am Meer liegen

Da fahr’ich lieber Zürich-Spiez
denn, wie gesagt, da spür’ ich, zieht’s